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und Nachdenken vorgezogen. Jedes verständige Lesen istArbeit, denn den Bau und die Klangschönheiten derSprache müssen wir uns erst deutlich vergegenwärtigen,um sie zu gemessen, und der Gedankeninhalt einer Dich-tung kann nicht ohne innerliche Verarbeitung an uns vor-übergleiten. Für Kunstgenuss aber, der mit Arbeit ver-bunden ist, lässt die Hast und Unruhe unseres so über-mässig auf den Erwerb gerichteten Daseins keinen Raum.Auch wo ein gewisses Minimum äusseren Wohlstandes aufeine Erweiterung des Interessenkreises des Einzelnen gün-stig wirkt, ist damit für grosse Berufsschichten doch nureine Vorbedingung erfüllt. Die Ausdehnung und Einteil-ung der Arbeitszeit, die Wohnungs- und Verkehrsverhält-nisse, die Fürsorge für allgemeine Veranstaltungen zu einergesunden, verständigen und billigen Erholung, das alles sindFragen, deren günstige Lösung es erst ermöglichen wird,nach den Anstrengungen und Aufregungen der Berufsarbeiteine Weile der geistigen Sammlung und Ruhe sich zugönnen. Die Müsse, die „nach Verrichtung der zum Lebens-unterhalte nötigen Arbeit noch übrige Arbeitskraft", hataber nur dann einen Wert, wenn sie so verwendet wird,dass auch die geistige Entwickelung den ihr gebührendenAnteil erhält. Dass die Verbreitung des Wissens heute inder ersten Reihe unseres Bildungswesens steht, beweistnur, dass sie allen Existenzfragen näher liegt, als die Ge-mütsbildung. Dass aber auch „die wahren Künstler, Dichter,Denker und Schriftsteller keine müssigen Glieder dermenschlichen und bürgerlichen Gemeinschaft sind, das be-darf wohl heute keines Beweises. Sind sie doch die licht-spendenden Genien, die wahren Fackelträger der Zivili-sation, die beseligenden Offenbarer und Tröster in denWirren des bangen Lebens".
O. Weissenfels hat damit ausgesprochen, was schon aufverhältnismässig frühen Stufen unseres Kulturlebens em-pfunden und in die Tat umgesetzt worden ist: die mächtigeEinwirkung von Kunst und Literatur auf die Entwickelungdes Einzelnen und der Nationen. Wenn Karl der Grosse, wieEinhard berichtet, „deutsche Gedichte von hohem Alter, inwelchen der vormaligen Könige Taten und Kriege besungen