Studien über Rudolf von Ems. 113
Dichtungen sehr häufig. Die darin anbefohlenen Tugenden kehrenstereotyp wieder, so auch hier bei Rudolf 1 .
Im Gegensatz hierzu enthalten die Beschreibungen, die Rudolfvon der tatsächlichen Lebensführung Willehalms gibt,, nichts vonGott, heben vielmehr als Gipfel seines Glanzes hervor, daß erder weite pris bejagete, daß er gepriset wurde 15066. 15231. 15247.15249. 15454. Aber Willehalm erlebt im Alter eine Wandlung:nachdem er den höchsten Preis dieser Welt errungen und genos-sen hatte, da fällt ihm ein, daß er das irdische Glück der GnadeGottes verdankt 2 . Jetzt kommt er zur Einsicht, daß die Welt-tugenden (es sind die bona fortunae, das utile, 15555 — 15558) vordem grimmen Tod nicht schützen, jetzt wirbt er nach dem immer-währenden Lohn 15521 — 15568, und jetzt erst lebt er nach derLehre, die ihm sein Pflegevater Jofrit erteilt hatte (vgl. bes. 15188bis 15200, auch 15129-15136). Willehalm hat also eine Läuterungdurchgemacht: die Fürstenlehre verlangt, daß der Herrscher Got,ire und guot in sich vereinige, Willehalm aber hat in der Blüteseiner Jahre doch eigentlich nur nach dem Preis der Welt gelebtund erst im Alter ist er zur Gotteserkenntnis gelangt, und nun hater dasjenige Maß der Tugend erreicht, zu dem ein in der Weltlebender Mensch gelangen kann: die Pflichten dieser Welt zu er-
1 Eine sehr ausführliche Jugendlehre gibt Jofrit seinem scheidendenPflegesohn Willehalm, der ein Frauenritter werden will (3256-—3276), aufden Weg 3247—3450. Zuerst stattet er ihn mit dem guot (utile) aus undunterrichtet ihn im Gebrauch desselben 3290—3355, dann läßt er ein umfäng-liches Tugendregister folgen (honestum) 3387—3450. Es ist eine weltlicheSittenlehre, an Gott wird der junge Mann nur gemahnt mit dem allgemeinenGebot vor allen dingen minne Got 3395, das an den Eingang der Tugendreihegestellt ist. Nachdrücklicher wird unter dieser die Frauenminne betont 3433bis 3447. Der Unterschied zwischen den Fürstenlehren und den Tugend-lehren besteht im wesentlichen darin, daß in jenen noch besonders Regenten-pflichten geboten werden, also z. B. Friede und Gerechtigkeit, gute Behand-lung der Untertanen. Rudolf aber hat in den beiden Lehren Jofrits eine Stufen-folge der Sittlichkeit entwickelt: in der Fürstenlehre, der Lehre an den Mann,ist eine tiefere Lebensweisheit niedergelegt, sie fordert auf zum Nachdenkenüber Gott und den Wert des irdischen Daseins 15188-—15195, und anstattdes Minnewesens 3433 ff. wird ein reines Weib als das beste von Gott ver-liehene Lebensgut geschätzt 15196—15200. Mit der Jugendlehre schicktJofrit seinen Schützling in die Welt, wie Gahmuret den unreifen KnabenParzival, mit der Fürstenlehre lenkt er ihn zu Gott, wie Trevrizent den imZweifel ringenden Mann.
2 Er verfällt nicht in die tragische Schuld des Herrn Heinrich von Ouwe,der in seinem Glücke Gottes vergißt.
Ehrismann, Studien über Rudolf von Ems. 8