Studien über Rudolf von Ems. 89
mit dem Tristan: wenn die saelde (welche Gunst schafft) das künst-lerische Vermögen schmückt (florieret), dann wird es zu hoherMeisterschaft veredelt (sich edeln vgl. Trist. 174), = Trist. 21—28:Ehre und Ruhm (Anerkennung) bringen die Kunst hervor, dieKunst blüht, wo sie mit Ruhm ausgezeichnet (gebliiemet) ist. Be-zeichnend aber für die verschiedene Weltanschauung, die in denbeiden Gedichten liegt, sind gleich die ersten Worte: Rudolf leitetdie Kunst von Gott ab (von gote AI. 2), Gotfrid dichtet für dieWelt (der werlde Trist. 2). Ebenso eröffnen gleich die Eingangs-verse im Willehalm die vom Alexander abweichende ethischeRichtung: in dem weltlichen Liebesroman steht nicht Gott amAnfang als Begründer der Sselde, sondern das edele herze (Wh. 2),das die Tugenden (weltliche Sittlichkeit) lehrt. — Weiterhin ent-sprechen sich AI. 29—40, auf sselde und edeler herzen gunst arbeiten,und Trist. 45—49; AI. 41—61, Lebenslauf des Helden, = Trist.125—130 (Trist. 49—124 hat keine Entsprechung, da der Inhaltdem Stoff des Alexander fern steht); AI. 62-90, 103-106, Quelle(vgl. 12961 ff. 13051 ff. 15804ff.), = Trist. 155(131)-166; AI. 91bis 102, Empfehlung des Gedichtes, sein Gehalt, = Trist. 71 ff.167 ff. Beide Prologe Rudolfs also bilden eine fortlaufende Reihevergleichbarer Stellen, wobei zudem noch der Tristan als Kor-rektiv beigezogen werden kann. Doch scheinen mir auch diesevielen Vergleichspunkte nicht auszureichen, um auf das zeitlicheVerhältnis zwischen Alexander und Willehalm zwingende Schlüsseziehen zu können. Jedenfalls aber kündigen auch gleich die ein-leitenden Gedanken und ihre Fassung die verschiedene geistigeHöhenlage der beiden Romane an und -legen die Grundfrage-derChronologie nahe: Ist der Dichter von der feineren Art in diegröbere, von dem kunstvoll durchdachten, jedes Wort berechnen-den Stil des Alexander in die oberflächlichere, rauhere und unge-lenke Ausdrucksweise des Willehalm übergegangen, oder hat erden umgekehrten Weg gemacht.
Auf die Zeitfolge Alexander-Willehalm weist nun noch eineReihe positiver auf exaktem Wege zu erschließender Merkmalein den beiden Dichterkatalogen. Als methodisches Hilfsmittelwird auch hier der Gegensatz zwischen dem Ursprünglichen undder Variierung zweckmäßig angewendet werden können. Darnachwird sich die Fassung der literarhistorischen Stelle des Alexanderfür älter erweisen als die des Willehalm, denn jene steht ihremVorbilde, der Schwertleite in Gotfrids Tristan, näher als diese.