Studien über Rudolf von Ems. 71
beleuchtenden Worten läßt er den anbrechenden Morgen die Arbeitdes neuen Tages einleiten, die Nacht sie abschließen, mit Zügen diezugleich stimmungerweckend wirken und ein technisches Mittelzum Übergang zu einer anderen Szene bilden, z. B. do begundezalso sere tagen, daz diu sunne durch diu wölken brach Willeh. 289, 2 f.Zuweilen ergänzt er die Angabe des Tagesbeginnes durch Erwäh-nung des ersten Tagewerkes, des Messesingens, wie an dieser Stelle:do sanc man messe got und in 289,5 und hier läßt er auch dann gleichdie Bereitung des Essens folgen 289, 7.
Derartige Zeitbestimmungen wendet nun Rudolf als Ein-leitungs- oder Übergangsformeln sehr häufig an. Er bildet sienach dem Muster von Wolframs Beispielen, das zeigt sich an dergroßen Ähnlichkeit in der Auffassung und im Ausdruck. Bei zweiprägnanten Stellen ist die Übereinstimmung fast wörtlich: g. Gerh.5064=Parz. 196, 10 und Weltchron. 4471 f. = Parz. 32, 24L 1 Ererweitert die Motive gern, liebt die ausgeführteren Darstellungenmit tac und naht, messe, gotes ampt, segen, ezzen, imbiz (pitit mengierWilleh.), aber an Stärke der Phantasie erreicht er Wolfram nicht,vgl. g. Gerh. 723. 2527-2537. 3537-3541. 3565. 3595. 4931-4948.5776-5779. 5965 f. 5976-5987. 6027-6032. Im Barlaam tretendiese Zeitbestimmungen mehr zurück (messe und ezzen fehlen hierals Begleitbestandteile, weil der Stoff dazu keine Gelegenheit gab):68,24-27. 200,10 f. 30. 202,13 f. 346,31. 391,1-7. Dagegen ist derWillehalm damit überfüllt (s. unten „Rudolf und der schwäbischeDichterkreis"). Innerhalb der Formeln besteht wieder ein Unter-schied im Gehalt, in den einen ist bloß die Naturbestimmungenthalten oder sie überwiegt doch, die andern, in denen vom ezzenund imbiz die Rede ist, gehen mehr in den Realismus des täglichenLebens über. Die letztere Richtung hat im Willehalm bedeutend
S. 94—99; Otto Unger, Die Natur bei Wolfram v. Eschenbach, D;ss. Greifs-wald 1912, bes. S. 29. 35f. 39ff.; Wilh. Ganzenmüller, Das Naturgefühlim Mittelalter, S. 286; Singer S. 34. Die Verwendung des Tageszeitenmotivs,besonders als Mittel in der epischen Technik, hat das Mittelalter von Virgilgelernt. Die christlich-lateinischen Dichter haben reichlich davon Gebrauchgemacht, bes. Juvencus, Sedulius, Ekkehard hat im Waltharius (277. 347 ff.402. 428. 436. 1130ff. 1188ff., Althof, Waltharii Poesis 2. Teil: KommentarS. 98) direkt aus Virgil geschöpft; vgl. Ganzenmüller im PersonenregisterS. 298ff. und im Text bes. S. 77. 122. 123ff. 167. 183 ff.; Gertrud Stock-meyer, Über Naturgefühl in Deutschland im 10. und 11. Jhd., S. 20—28.Über den Einfluß der Hymnenpoesie auf die Morgenschilderung in WolframsTageliedern s. Roethe, Anz. f. d. A. 16, 95 f.
1 Leitzmann, Ztschr. f. d. Phil. 43, 302f. und Beitr. 42, 504.