68 . Gustav Ehrismann:
gehäuft, Gotfrids Stil hat der Epigone zur Manier übertrieben.Aufgabe der Spezialforschung ist es, in exakter Methode durchVergleichung einzelner Stellen dieses Verfahren Rudolfs nachzu-weisen und es sind auch schon Beiträge dazu geliefert worden 1 .Gotfrids Tristan hat Rudolf die stilistische Kunstform gegeben,die zierliche süeze Weise; er hat nichts gemein mit WolframsDunkelheit, dem obskuren Ausdruck (in manege wis gebogen), vonihm hat er nur einzelne Vorstellungen und Ausdrücke und gewissetechnische Formeln übernommen, die die ästhetische Wirkungseiner Sprache prinzipiell nicht beeinflussen, wenn sie auch garnicht selten sind. Die textlichen Ähnlichkeiten 2 zwischen Rudolfsund Wolframs Dichtungen zerfallen hinsichtlich ihrer Entstehungim Bewußtsein des Autors in zwei Gruppen: Es sind 1. einmaligeReminiszenzen: dem Dichter tritt bei der Ausarbeitung irgendeines Gedankens auf dem Wege der Ideenassoziation die Vor-stellung eines ähnlichen Vorganges in Wolframs Werken oderdas Erinnerungsbild eines für die sprachliche Fassung passendenAusdrucks ins Bewußtsein. Sie haben einen speziellen Inhalt,z. B.: in der Weltchron. 13048ff. lagert sich das Heer in einzelnenAbteilungen (ringe), da erinnert sich der Dichter eines ähnlichenFalles in Wolframs Willehalm und damit des dazu gehörendenVerses und sunder ringe phlägen (: lägen) 319, 18, den er nun fastwörtlich übernimmt: ir sundir ringis pflagen (= lagen) Weltchr.
x Außer den mehrfach genannten Arbeiten von Krüger und Henrich:Preuss, Stilistische Untersuchungen über Gottfried v. Straßburg, Straß-burger Studien 1 (1882), 1—-75; Piq.uet, L'originalite de Gotfried de Stras-bourg (1905); v. Kraus, Ztschr. f. d. A. 51 (1909), 301—378; Nolte,Ztschr. f. d. A. 52, (1910), 61—-83; die Programme und Dissertationenvon Lobedanz 1878, Lüth 1881, Heidingsfeld 1886, Myska 1898, Pope1903, Stiebeling 1905, Leistner 1907, Hansen 1908, Täuber 1912,Leppelt 1913, Dittrich 1914, Lorenz 1914, Stökle 1915. Es müssendann natürlich alle Einflüsse Gotfrids auf Rudolf mit in Betracht gezogenwerden, nicht nur die oben als hervortretendste bezeichneten Schmückungs-motive; wie denn auch Henrich noch eine Reihe anderer Erscheinungenbehandelt hat. Auch sonstige stilistische Gesichtspunkte sind bei der Ab-hängigkeitsfrage zu berücksichtigen, so folgt Rudolf in der Anwendung desAkrostichons Gotfrid (v. Kraus, Ztschr. f. d. A. 50, 222 und 51, 373ff.,Singer, Ztschr. f. d. A. 38, 271 f. u. 40, 240, Junk, Beitr. 29, bes. S. 462ff.)Wie Wolfram hat er im Alexander und im Willehalm die Einteilung in Bücher,vgl. R. M. Meyer, Die deutsche Literatur bis zum Beginn desl9. Jhd.s, S. 181.
2 Einzelne Fälle bei Leitzmann, Ztschr. f. d. Phil. 43, 301—307 undBeitr. 42, 503—505; nach stilistischen Kategorien behandelt Henrich dieEinwirkung Wolframs auf Rudolfs Willehalm.