64 Gustav Ehrismann:
Wortes der Stoff des Gedichtes bestimmend. Im Barlaam gehörenviele Schlagwörter dem religiösen Gebiete an.
Die Wiederholung gehört zu dem für die sprachliche Dar-stellungsweise so wichtigen Gebiete der Erweiterung (Ampli-ficatio). Aus ästhetischen, also formalen Gründen macht derDichter bei der malenden Wiederholung oft mehr Worte als erbei spontanem, ästhetisch unbeeinflußtem Verhalten gebrauchenwürde. Diese Entstehungsweise von Wiederholungen läßt sich anBeispielen nachweisen. Wenn es im g. Gerh. 4708 heißt do si zerekle sich versan und dann der nächste Vers lautet und üf irsinne wider kam, so ist mit diesem nur der Gedanke wiederholt.Oder daz sin kintlicher prts bluote alsam ein blüendez ris daz mansiht in blüete stän g. Gerh. 5415—5417: der Dichter wollte diebeliebte Floskel mit blüejen anbringen und wiederholt einfach dieWorte ihres ästhetischen Wertes wegen ohne Scheu vor der Tau-tologie; oder: do gruozte diu vil guote mich mit ir gruoze min-neclich 3091. Im Barlaam: äne süntlichen vlec was er äne sündehie, so daz er sünde nie begie 70, 6—8; Er truoc durch uns vilhohen pin. ein rüche kröne dürnin sach man in uns ze seelden tragen72, 17—19; des reinen toufes reinekeit 81,33. Im Willehalm:tägelich von tage ze tage 2813 f.; Die gevangen hiez man sä,Die gevangen wären da, Behalten 1615—1617; beidenthalb vonbeiden hern 712f.; der schal von schalle wart breit 1264f. Jeumfangreicher die Wiederholungsstellen sind, um so stärker istnatürlich auch die Erweiterung mit hemmendem Sprachstoff. DieForm erstickt dann den Inhalt.
Die Wortwiederholung bestimmt unter allen Stilmittelnam sinnfälligsten die Physionomie von Rudolfs Kunstsprache. InVerbindung mit ihr, oft aber auch für sich allein, erscheinen dieAntithese und die Alliteration. In ihren psychologischen Aus-gängen und Wirkungen sind die Formen verschieden, Wiederholungund Antithese haben mehr ideellen, die Alliteration mehr klang-lichen Gehalt.
Die Antithese ist im Inhalt der Gedichte bedingt, ja sie istüberhaupt die Gedankenform der mittelalterlichen Weltanschauung.Christen und Heiden, Reue und Sünde, Leben und Tod, Himmelund Hölle sind die Leitgedanken in der Legende von Barlaamund Josaphat und finden ihren Ausdruck in den entsprechen-den Wortantithesen. Eine andere geistige Verfassung liegt derAntithese im g. Gerhard zugrunde: hier sind es die Pole der Stirn-