74 Eberhard Freiherr von Künssberg:
Mindestens so verbreitet wie das Messerstecken ist der Glaubean die Wirkung des Messerwurfs. Messerwurf stillt den Wirbel-wind 1 . Bei schwerer See werfen die Matrosen das Messer mit derSchneide in das Wasser, um die Wasserdämonen zu töten und selbstdie Landhexen, die das Unwetter verschuldet haben 2 . Auch gegenden Werwolf, gegen Irrlichter und gegen Lawinen 3 werden Messergeworfen.
2. Im Aberglauben und Zauberbrauch spielen schwarze Gegen-stände eine besondere Rolle. Daher treffen wir auch schwarzeMesser, das heißt Messer mit schwarzem Griffe immer wieder an.In Griechenland legt man der Wöchnerin ein solches unter dasKopfkissen 4 zum Schutz gegen böse Geister. In lateinischen Wetter-segen 5 ist es ein cultellum nigrum, mit dem der bannende Zauber-kreis beschrieben wird; auch im griechischen Wettersegen wird miteinem schwarzen Messer gedroht. Zur Bekämpfung von Hals-krankheiten dient gleichfalls ein Zaubersegen cum cultello, quihabet manubrium nigrum 6 . Um sich schußfest zu machen hat mannach einem Simmentaler abergläubischen Rat folgendes zu tun 7 :
kauf an einem Donnerstag nach Fespern ein Messer mit einem
schwarzen Höfti, nimm es, wie sie es dir schätzen, stoß das Höfti
in die Scheide in linken Hosensack unten, so mag keiner schießen.
Bei den Rechtsbräuchen mit Messern wird in der Regel das
dazu nötige Messer nicht weiter beschrieben; wenn jedoch, dann
wird eher ein weißer Griff, ein Elfenbeinmesser verlangt 8 . Es ist
eine Ausnahme, wenn z. B. in einer englischen Schenkungsurkunde 9
1 Handwörterbuch d. d. Aberglaubens VI, 194. E. H. Meyer, Badi-sches Volksleben, 1900, S. 368 f. Die mythologische Ausdeutung dieser Mei-nung kann hier außer Betracht bleiben. Schon Mannhardt hat die Blendungdes Polyphem mit dem Messerwurf in die Windsbraut gleichgestellt. Laistner,Rätsel der Sphinx II (1889) 110. I 109. 165.
2 Mailly, Rechtsaltertümer, 1929, S. 53.
3 Jegerlehner, Sagen aus dem Unterwallis, 1909, S. 23; Jeger-lehner, Sagen aus dem Oberwallis, 1913, S. 295.
4 Pradel, Griechische u. süditalienische Gebete, Beschwörungen undRezepte des Mittelalters, 1907, S. 383; Th. Zachariä, Kleine Schriften zurindischen Philologie, 1920, S. 351.
5 A. Jacob y, Volkskundliche Splitter/ Schweizerisches Archiv für Volks-kunde 23 (1920), 222.
6 Zachariä, a.a.O., 350.
7 Schweizerisches Archiv für Volkskunde 19 (1916), 229.
8 Siehe oben §3, S. 15 f.
9 Notes and Queries 152 (1927), 32.