106 U- Die Kriege am Ende des 17. und am Anfange des 18. Jahrhunderts.
die französische Armee nach Frankreich flüchtete, fingen die Verbündetenan, nacli und nach die von den Franzosen in Piemont und im Gebiete vonMailand besetzten Festungen wegzunehmen. Bald darauf wurden nachUebereinkunft mit Ludwig XIV. alle Festungen in Italien den Verbün-deten übergeben und die Garnisonen in den Festungen nach Frankreichentlassen. Auf diese Weise hatte die Schlacht und der Sieg bei Turinsolche entscheidende Folgen, wie im Jahre 1704 in Deutschland dieSchlacht und der Sieg bei Höchstädt. In Folge dieses einen Sieges er-oberten die Verbündeten ganz Italien, und seitdem war ihnen die Mög-lichkeit geboten, den Krieg in die Grenzen Frankreichs zu verlegen.
Der für die Verbündeten glänzende Erfolg dieses Feldzuges mussdem kühnen Marsche des Prinzen Eugen nach Piemont und auf dieHauptcommunicationen der französischen Armee mit Frankreich, derAufnahme eines entschiedenen Kampfes mit derselben und der geschick-ten Wahl des Angriffspunktes ihrer befestigten Linien, sowie den be-sonderen Umständen, die allen diesen Operationen günstig waren, zu-geschrieben werden. Der Marsch nach Piemont gehört unstreitig zu denglänzendsten Heldenthaten des Prinzen Eugen. Dieser Marsch zeichnetsich durch besondere Kühnheit. Entschlossenheit und Geschicklichkeit inder Ausführung aus. Indem man ihn unternahm, war es nothwendig, alleCommunicationen mit Deutschland gänzlich aufzugeben, ohne, wie Sta-rhemberg im Jahre 1703, irgendwelche Hoffnung zu haben, sich durchTruppen zu verstärken und die zur Kriegführung nöthigen Mittel in Pie-mont zu finden, weil der Herzog von Savoyen sehr wenig Truppen be-sass, seine Besitzungen verloren hatte und aufs Aeusserste gekommenwar. Diesem Marsche stellten sich ausserdem noch bedeutende Hinder-nisse entgegen, besonders I) hinsichtlich der Oertlichkcit, die auf demrechten Ufer des Po von vielen Flüssen, Bächen, Canälen durchschnittenwird und daher den Marsch der Truppen sehr bedeutend in die Längeziehen musste, während der ganze Erfolg des Marsches von seiner Schnel-ligkeit und schnellerer Besetzung des wichtigen Engpasses bei Stradellaabhing, und 2) hinsichtlich der sehr beschwerlichen derzeitigen Verpfle-gung der Truppen bei solch weitem und schnellem Marsche. Das Glückbegünstigte aber den Prinzen Eugen und verlieh ihm, im Verein mit derEntschlossenheit und Geschicklichkeit seiner Operationen, den Sieg. DieFehler der Franzosen, die Langsamkeit und Unentschlossenheit in ihrenOperationen, besonders die Abberufung Vendöme's und die Ernennungdes Herzogs von Orleans und Marsin's an seiner Stelle in der schwerstenund wichtigsten Zeit des Feldzuges erleichterten dem Prinzen Eugen dieUnternehmungen , förderten ihren Erfolg und waren eine der Hauptur-sachen des Triumphes der Verbündeten, der Niederlage der Franzosenund ihrer Verdrängung aus Italien. Vendöme erkannte es für das einzig