1. Kurze Uebersicht des Zustandes der Kriegskunst. 29
den übrigen zur Schwächung der Disciplin und zu allen möglichenUnordnungen. In allen Heeren und besonders im französischen kamenstarke Desertionen vor, die mit übermässiger Strenge bestraft wurden. ImAllgemeinen war, abgesehen von dem eben Angeführten, der Geist derHeere ein guter, und Franzosen sowohl als ihre Gegner schlugen sichausgezeichnet, und die Heere dieses Zeitabschnittes, trotz der in ihnenherrschenden Unordnungen und Mängel, glichen mehr als die früherenwohleingerichteten europäischen Heeren.
§.7.Das Geniewesen.
Das Ende des 17. und der Anfang des 18. Jahrhunderts war dieglänzendste Epoche des Geniewesens,. das so bedeutende und wich-tige Fortschritte, besonders in Frankreich und den Niederlanden, DankVauban, Coehorn und Anderen machte, dass es sogar die übrigen Zweigeder Kriegskunst überflügelte. Das steigende Bedürfniss für alle Artenvon Befestigungen, wie ihre immer grösser werdende Bedeutung beför-derte diesen Fortschritt am meisten. Einzeln stehende Posten wurdenwie früher befestigt.
Oefter als ehedem stösst man auf Beispiele von Befestigung undVertheidigung einzeln stehender Gebäude, ganzer Dörfer, der bedeutend-sten Punkte und Theile des Schlachtfeldes und in den Türkenkriegensogar ganzer Schlachtfelder. Am stärksten entwickelt sich in dieserPeriode die Leidenschaft, nicht nur ganze Provinzen, sondern auch grosseLandstrecken und die Grenzen des Reiches durch befestigte Linien zudecken. (Siehe unten §. 13.) Diese Linien bestanden aus einer Reihedurch Courtinen verbundener Sternschanzen, Redouten, Redans odernur aus einem Walle nebst Graben und ein- und ausspringenden Winkeln,der noch durch Palisaden verstärkt war. Die Profile wurden wo mög-lich noch befestigt, um sie den Begriffen der damaligen Zeit nach un-überwindlich zu machen. In dieser Art waren die Weissenburger undLauterburger Linien, die, in der Fronte durch die Lauter gedeckt, mitihrem rechten Flügel an den Rhein, mit dem linken an die Vogesenstiessen, die Stollhofenschen und Ellingenschen auf dem rechten Rhein-ufer unterhalb Strassburg — die längs den Flüssen Queich und' Einzigu. a. m. — sowie die oftmal in den Niederlanden zwischen der Lys,Scheide, Sambre, Maas errichteten und viele andere bei verschiedenenGelegenheiten und in verschiedenen Gegenden.
Die bedeutendsten Veränderungen und Vervollkommnungen imFestungsbau bestanden darin, dass man allenthalben, wenn auch nichtmit gleichem Erfolg, das niederländische System zu vervollkommnenbegann, indem man die Winkel der Bastionen schützte und ihre Flanken