170 II. Vom Tode KaiTs ct. Gr. bis zur Einführung der Feuerwaffen.
Die russischen Bogenschützen, welche sich durch vortrefflichesSchiessen auszeichneten — was die Fremden in Erstaunen setzte — trugenviel zu den Erfolgen der Belagerung wie der Vertheidigung vonStädten bei.
Im Allgemeinen trug die Kunst der Befestigung, Belagerung undVertheidigung von Lagern und Städten bei den Russen in dieser Periodefast denselben Charakter und befand sich auf derselben Stufe wie-inWest-Europa, und stand hier wie dort nur der Kunst der Griechen indiesen Dingen nach.
§.59.Standpunkt des Kriegswesens überhaupt.
Aus all dem Gesagten lässt sich schliessen, dass die Kriegsorgani-sation im alten Russland zu jener Zeit eine ganz eigenthümliche Formund Charakter hatte, wesentlich verschieden nicht allein von dem inWest-Europa zu derselben Zeit, sondern auch von demjenigen, welchersich bei den Süd- und besonders bei den West-Slawen entwickelt undherausgebildet hatte. Sein ursprünglicher rein normannischer Charakterwar im Lauf derZeit allmählich mehr und mehr mit dem nationalen reinslawischen verschmolzen, schon seit Wladimir I. und Jaroslawl.ein rein russischer geworden, und in seinen Grundlagen und Hauptzügenbis zur mongolischen Periode so geblieben. In dieser letzteren Periodeaber begann die Kriegsorganisation Russlands im Einzelnen viel von jenerder Mongolen anzunehmen, und leider nicht gerade in dem, was, nachden Gesetzen Dschingis-Khans, daran das Beste war (s. u.).
Was das Kriegswesen im alten Russland anbelangt, so trug es biszu Wladimir I. einen vorzugsweise normannischen Charakter, vonWladimir I. und besonders Jaroslaw I. an und weiter bis zur Mon-golenzeit aber seinen eigenartigen slawisch-russischen, der mehr oderminder dem in West-Europa gleich war. Seit der Unterwerfung Russ-lands durch die Mongolen aber nahm das Kriegswesen ebenfalls allmäh-lich einen mongolisch-asiatischen Charakter an, obgleich es in seinerGrundlage die altslawisch-russischen Züge bewahrte, wie es später seinesOrts ausführlicher dargestellt werden soll.