Druckschrift 
Abth. 2, Das Mittelalter Bd. 1 (1880) Von 476 bis zur Erfindung des Pulvers, 1350
Entstehung
Seite
9
Einzelbild herunterladen
 

Quellen und historische Hiilfsraittel. 9

kriegerischer Hinsicht, roh, unzulänglich, und ohne eigentliches kriegerischesInteresse. Erstens befand sich zu dieser Zeit die militärische Organisation derVölker, Heere und Staaten im Zustande der Gährung und der nur allmählichenlangsamen Entwickelung zu neuen Formen, die Kriegskunst aber und ihre ver-schiedenen Zweige standen auf niedriger Stufe und waren ebenfalls in langsamerEntwickelung, theils in alten, theils in neuen Formen begriffen. Zweitens warendie Chronikenschreiber keine Kriegsleute (obschon viele der geistlichen Herren,namentlich der höchsten, zu Felde zogen und an Feldzügen, Schlachten undBelagerungen etc. Theil nahmen) und stellten die Kriegsbegebenheiten in mili-tärischer Hinsicht mehr oder weniger ungenügend dar, so dass bei den Anfor-derungen der neuen Zeit es oft schwierig, wo nicht unmöglich ist, sich einenvollkommen klaren und bestimmten Begriff von den in den Chroniken enthalte-nen Kriegsereignissen zu machen. Dazukommt, dass, obgleich diese Chronikenallgemeine Geschichte enthalten sollten, welche gewisse Zeitperioden,Völker, Provinzen, Städte, Einrichtungen und Zustände, berühmte Männer undVorkommnisse zu schildern hatte, sie doch grossentheils einen nach Zeit oderOrt nur partiellen Charakter trugen. Darum konnten sie nur nach sorgfäl-tiger, wissenschaftlicher und kritischer Durchforschung, Zusammenstellung undVergleichung mit andern in c o r r i g irt e n g e d r u c k t e n A u s g a b e n eine inkriegerischer Beziehung genügende Bedeutung erlangen. Gerade dieser Art vonWerken wird auch in der folgenden Aufzeichnung Erwähnung gethan.

Nach Erfindung der Buchdruckerkunst und nach dem Aufleben der Wissen-schaften und Künste im westlichen Europa seit dem 15. Jahrhundert werdendie handschriftlichen Chroniken zuerst gesondert seit dem Ende diesesJahrhunderts im Druck herausgegeben. Von dieser Zeit an bis zum 17. Jahr-hundert waren deren schon sehr viele erschienen, und im 17. Jahrhundert be-gann man sie nach Völkern, Provinzen, Staaten u. s. w. und nach Epochen derZeitperioden gesammelt herauszugeben. Die Edition solcher Sammlungen setztesich noch im 18. und 19. Jahrhundert fort, und heute existirt davon in jedemStaate eine grosse Menge.

Mit ihrer einzeln oder in Sammlungen erfolgenden Herausgabe beginnenauch sorgfältige Forschungen, Studien und Bearb eitungen derselben,und die Zusammenstellungen von auf sie gegründeten, sowohl allgemein histori-schen als auch kriegsgeschichtlichen Werken über das Mittelalter.

In dieser Reihenfolge sind hierunter die hauptsächlichsten, wichtigstenund interessantesten Chroniken, Sammlungen und auf sie gegründete allgemeinhistorische und kriegsgeschichtliche Werke der neueren und neuesten Zeit ge-nannt, welche sich auf den Zeitraum vom Ende des 5. bis Mitte des 14. Jahr-hunderts beziehen.

Chroniken, einzeln oder in Sammlungen erschienen.

Obenan ist, der Zeit nach, zu stellen: Cassiodor: 12 Bde vermisch-ten Inhalts, und Geschichte der Gothen (Magnus Aurelius Cas-siodor us, Variarum libri XII, und Historia Gothorum). Cassiodor, einrömischer Gelehrter zur Zeit der Herrschaft der Ost-Gothen in Italien, -180(n.A.470) zuScyllacium (s. Squilaci) in Mittel-Italien geboren, bekleidete zuRomviele Aemter und war der Geheimschreiber des Ost-Gothen-Königs Theodo-rich d. Gr., zog sich aber im J. 537 in ein in Calabrien von ihm selbst ge-