Berufung fremder Gelehrten. 315
Allein die Keime, welche einst Karl der Grofse gelegt hatte,waren bereits so stark und kräftig geworden und hatten so tiefe"Wurzeln geschlagen, dafs sie auch diese Feuerprobe überdauerten.
Wie einst von Austrasien, so ging jetzt von Sachsen die Rettungaus. Hier hatte man zuerst sich ermannt und unter den Ludol-fingern in festem Zusammenhalten die Kraft gefunden, der FeindeHerr zu werden. Reginbern, aus Widukinds Stamm, der Bruderder Königin Mahthild, schlug die Dänen so, dafs sie nicht wieder-kamen. Die Wenden, welche die Ostgrenze bedrängten, wurdenzurückgeworfen. Heinrich I stellte, wie einst Karl Martell undPippin, das Reich her und wies die Ungern zurück; was er be-gonnen, vollendete sein Nachfolger, bis er die inneren und äufserenFeinde bezwungen hatte. In dieser eisernen Zeit war noch für dieFeder kein Raum, aber nach dem Siege konnte Otto an die Her-stellung der geistigen Bildung denken. Da sehen wir überall dieverödeten Klöster aus der Asche erstehen, sie werden den Händender Laienäbte entrissen und ihrer Bestimmung wiedergegeben. Baldregt sich in ihnen, zunächst in denen, welche von den Stürmendieser Zeit weniger gelitten hatten, von neuem wissenschaftlicheThätigkeit.
Wie Karl, schätzte auch Otto die Wissenschaften, ohne selbsteine gelehrte Bildung erhalten zu haben; seine Erziehung war krie-gerisch gewesen, und erst spät, nach dem Tode der Königin Edid(26. Januar 946), lernte er lateinische Bücher lesen und verstehen 1 );reden konnte er die Sprache der Gelehrten nicht 2 ). Auf der Synodezu Ingelheim 948 wurden der Könige wegen die päbstlichen Schreibenin deutscher Sprache verlesen 3 ), und auch in seinem Alter liefs ersich einen lateinisch geschriebenen Brief von seinem Sohne Otto IIübersetzen*).
Wie Karl, suchte auch Otto gelehrte Ausländer ins Land zuziehen. So bemühte er sich lange vergeblich, den Gunzo vonNovara, einen jener italienischen Grammatiker, nach Deutschland zubekommen. Dieser Gunzo war Diaconus in seiner Vaterstadt, undschrieb hier, aufgefordert vom Bischof Atto von Vercelli (f c. 960)
') Widuk. II, 36. Vgl. Dümmler, Otto I S. 515. Ich glaube nicht,dafs man bei litleras discere und libros legere et intelliyere an andere alslateinische Bücher denken darf.
2 ) Liudpr. Hist. Ott. 11.
3 ) Flodoard h. a. MG. SS. III, 396.
4 ) Casus S. Galli MG. SS. II, 139. Einen anderen übersetzt die Kai-serin Adelheid, nam litteratissima erat; ib. p. 146.