Druckschrift 
1 (1893)
Entstehung
Seite
138
Einzelbild herunterladen
 

138 ^1- Karolinger. § 3. Annalen.

§ 3. Die Annalen.

In dem Abschnitte, bei welchem wir jetzt verweilen, in denAnfängen der karolingischen Periode, beginnt zuerst ein Zweig derGeschichtschreibung ans Licht zu treten, welcher sich aus den un-scheinbarsten Anfängen zu einer wahren Kunstform entwickelte, unddem wir grofsentheils die festen Grundlagen der älteren Geschichtedes Mittelalters verdanken, nämlich die Jahrzeitb ücher od er Annalen.Augenscheinlich durch die Mission veranlafst, kommen siejetzTTahverschiedenen Orten zum Vorschein. Es bedurfte eben keiner neuenErfindung, um Jahr für Jahr die wichtigsten Ereignisse gleichzeitigmit wenigen Worten aufzuzeichnen; wir haben ähnliches schon ausder römischen Zeit zu erwähnen gehabt, und es mag auch hin undwieder im merowingischen Reiche geschehen sein, aber erhaltenhaben sich keine Beispiele davon. Einst hatten die Verzeichnisseder Consuln den passendsten Raum dazu dargeboten, jetzt warenes die überall verbreiteten Ostertafeln, deren Rand schon von selbstdazu aufforderte, neben der Jahreszahl kurze Nachrichten einzu-tragen. Wir finden diese Aufzeichnungen zuerst in England, unddie Missionare, denen Beda's Ostertafeln wohl selten fehlten, behieltendie heimische Sitte bei. Mit den Ostertafeln selbst wurden nunauch die Randbemerkungen abgeschrieben, und gingen so von einemKloster ins andere über; bald fing man an darauf Werth zu legen,schrieb die noch ganz kurzen und mageren, völlig formlosen Anna-len auch abgesondert ab, setzte sie fort, verband sie mit anderen,und machte sich endlich auch an die Arbeit, die dürftige Kundeüber die frühere Vorzeit durch Benutzung anderer Quellen, ausSchriftstellern aller Art, aus der Sage und gelehrter Berechnung zuergänzen.

Daraus ergiebt sich nun, wie verschiedenartig, von wie un-gleichem Werthe der Stoff ist, welchen diese Jahrbücher uns dar-bieten. Viel fache F e hle r konnten schon beim Abschreiben nichtausbleiben. Der Rand der Ostertafeln hatte häüfigTitc1st~ausgereicht;dann waren Bemerkungen unten, oben, an verschiedenen Stellennachgetragen 1 ), durch Zeichen auf das betreffende Jahr bezogen,und oft ist es selbst, wenn das Original noch erhalten ist, schwersich darin zurecht zu finden. Gedankenlose Abschreiber haben dann

') Vgl. die Schriftprobe der Annales Corbejenses, MG. SS. III. Tab. 1.Sickel in den Forschungen IV, 451 und ib. 454—461 über die älteste imOriginal enthaltene Fulder Ostertafel mit Annalen.