Druckschrift 
1 (1893)
Entstehung
Seite
112
Einzelbild herunterladen
 

112 !• Vorzeit. § 10. Die Tkaten der Frankenkönige.

Höchst eigentümlich ist eine andere Dichtung, die vielleichtebenfalls noch dem siebenten Jahrhundert angehört, nämlich einLied, welches sich auf Chlothars II Sieg über die Sachseni. J. 622 (?) bezog, wovon uns aber leider nur ein kleines Bruchstückerhalten ist. Es bestand ebenfalls aus je drei gereimten Zeilen, dieaber iambischen Rhythmus haben und je vier Hebungen enthalten.Der eigentliche Held des Liedes ist der heilige Faro, Bischof vonMeaux, welcher die Gesandten der Sachsen gegen die beabsichtigteErmordung von Seiten des Königs beschützt hatte, und ihm zuEhren wurde nach dem Zeugnifs des Biographen des h. Faro,Bischof Hildegars, der zu Karls des Kahlen Zeit schrieb, diesesLied allgemein von Männern und Frauen zum Tanze gesungen x ).

Ein anderes, noch weit merkwürdigeres Lied glaubte Lenormantentdeckt zu haben 9 ), ein historisches Volkslied des sechstenJahrhunderts zur Feier von Childeberts I Feldzug gegen Sa-ragossa i. J. 542. Dieses sollte nämlich paraphrasiert sein in demLeben des h. Droctoveus, ersten Abtes von St. Germain-des-Pres,einer Stiftung jenes Childebert, und sich daraus zum Theil wiederherstellen lassen. In der That erinnern Ausdrücke darin, wie torrenspulchritudinis 3 ), an jene alte fränkische Poesie, und es ist nicht un-möglich, dafs wirklich die Spur eines alten Liedes darin zu erkennenist; im übrigen aber ist die Erzählung von der angeblichen Erwer-bung der Stola des h. Vincenz auf jenem Feldzuge ganz den „Thatender Franken" entnommen, und deshalb die Herstellung jenes Liedesaus den Worten der Lebensbeschreibung ein verfehltes Unter-nehmen.

§ 11. Fränkische Heiligenleben.

Aufser den bis jetzt erwähnten Geschichtswerken ist uns ausder Zeit der Merowinger noch eine bedeutende Menge von geschicht-lichem Material erhalten in den Legenden der Heiligen, deren Zahlin diesen Zeiten aufserordentlich grofs ist. Die meisten von ihnensind kirchliche "Würdenträger und dadurch auch in die weltlichenHändel verflochten; ihre Lebensbeschreibungen würden unschätzbarsein, wenn sie nicht erstlich zu ausschliefslich blofse Lobreden

1 ) Mab. Acta SS. 0. S. B. II, 617. Hildegar war aus dem KlosterSt. Denis. Brosien S. 53 schlägt die Glaubwürdigkeit dieser Vita sehrgeriDg an. Manitius, S. 474 hält das Lied für Uebersetzung eines fränkischen.

2 ) Bibliotheque de l'Ecole des Chartes I, 1, 321.

3 ) Vgl. V. Eligii auet. Audoeno I, 14: rex Dagobertus torrens pulcheret inclytus.