Druckschrift 
1 (1893)
Entstehung
Seite
111
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Formeln, Briefe und Verse. Hl

Sehr eigentümlicher Art ist die Correspondenz zwischen einemBischof Frodebert, vermuthlich von Tours, und Importunus -von Paris(um 666), -welcher jenem u. a. vorwirft, dafs er des HausmeiersGrimoald Frau entführt habe. In höchst barbarischem Latein ver-fafst, aber durchgehends gereimt, können diese Schmähschriften un-möglich als wirkliche Briefe betrachtet werden, sind aber um somerkwürdiger als ein boshaftes Pasquill des 7. Jahrhunderts 1 ).

Von jenen halb verklungenen, halb durch Zuthaten der Schul-gelehrsamkeit entstellten Stammsagen der Franken finden sich Spurenauch in dem schon früher (S. 90) erwähnten Prolog des SalischenGesetzes, und an diesen erinnert ein seltsames Werk des siebentenJahrhunderts, die poetische "Weltbeschreibung eines ungenann-ten Verfassers, der in ganz ähnlicher Sprache und "Weise einige Ca-pitel des Isidor in Verse brachte, und nur über die Franken einigeselbständige Zusätze anbrachte, in denen sich das stolze Selbstgefühljenes Prologs wieder erkennen läfst 2 ). Es sind dreizeilige Strophenmit sehr ungenauen Endreimen, rhythmische Langzeilen von 15 Silbenmit einer Caesur nach der achten Silbe, eine in jener Zeit häufigeForm. Für den Verfasser dieses Kunstwerkes hält Dümmler den-selben Theodofridus, welcher ein anderes, nicht minder rohesGedicht über die 6 "Weltalter verfafst hat; beide sind von demselben"Winitharius abgeschrieben; auch einen dritten, chronologischen Rhyth-mus vom J. 718 fügt er hinzu. In Theodofrid aber erkennt er denersten, bald nach 657 aus Luxeuil gekommenen Abt von Corbie,welcher um 681 Bischof wurde, wahrscheinlich von Amiens 3 ).

: ) S. Zeumer im NA. VI, 75 u. die Ausg. Formulae p. 220—226.

2 ) Versus de rota mundi, ed. Pertz: Ueber eine fränkische Kosmogra-phie des siebenten Jahrhunderts, Abh. der Berl. Ak. 1845, S. 253. Wright,Anecd. p. 101—104 aus Clm. 903. Dazu kommen noch die HandschriftenCod. S. Galli 213 u. Vat. Pal. 1357, Arch. XII, 354. Vgl. Huemer, Unter-suchungen über die ältesten lat. christ. Rhythmen (Wien 1879) S. 63—65.Manitius, Gesch. d. christl. lat. Poesie S. 474. — Ueber eine alte fränk.Völkertafel, die er um 520 ansetzt, Müllenhoff, Abh. d. Berl. Akad. 1863,S. 520. Für erheblich jüngeren Ursprung Ad. Bachmann, Wiener SB.XCI, 864. In welche Zeit und Verbindung die fabelhafte Kosmographiedes Aethicus gehört, welche bei der Trojanersage eine Rolle spielt,ist noch dunkel; Krusch bemerkt, „dass darin die Fassung der Gesta-Francorum von 736 benutzt und er also erheblich jünger ist, als man ihngewöhnlich ansetzt. Auf die erste Hälfte des 9. Jahrh. weist auch seineVerwandtschaft mit der Hist. Daretis, welche der erste Fortsetzer desFredegar in den Hieronymus einschob: beide haben die Fabel von Francusu. Vassus, beide gleichen sich im Stil (z. B. gignarus für gnarus)." DasGegentheil behauptet freilich K. Plath. Die Königspfalzen (Berl. Diss.1892) These 2.

3 ) Zeitschr. f. D. Alterth. XXII, 423. XXHI, 280. Manitius S. 476.