46 I. Vorzeit. § 2. S. Severin.
Nur von den Städten aus wurde noch das Feld gebaut, undnur zu häufig fielen Ernte und Schnitter in die Hände der Barbaren;Hunger verwüstete das reiche und fruchtbare Land, wenn die Zufuhrauf dem Inn ausblieb. Die Grenzsoldaten erhielten aus Italien keinenSold mehr, und in Folge davon lösten ihre Schaaren sich auf; nurdie batavische Cohorte in Passau hielt noch zusammen, und einigevon ihnen machen sich auf, um den Sold über die Alpen zu holen,werden aber unterwegs erschlagen. Vor der Donaustadt Faviana,zwischen Passau und Wien, erscheinen plötzlich Räuber und führenalles hinweg, was sie aufserhalb der Mauern finden, Menschen undVieh. Der Tribun Mamertinus hat so wenig Mannschaft, dafs erkeinen Ausfall wagen will, bis Severin ihm den göttlichen Beistandverheifst; da zieht er muthig hinaus und gewinnt den Sieg.
Eine der wunderbarsten Erscheinungen ist dieser Severin. Niehat er sagen wollen, wer er sei, woher er stamme; nur dafs er ausdem fernen Osten komme, nahm man aus seinen Reden ab, docherkannte man an der Sprache den geborenen Lateiner. Von vor-nehmer Abkunft, so schien es, hatte er sich in die Einsamkeit zuden heiligen Vätern, vermuthlich in die thebaische Wüste, zurück-gezogen; dann aber trieb ihn, wie er selber andeutete, eine göttlicheStimme, den bedrängten Bewohnern des Ufernoricum Trost undHülfe zu bringen. Seine Enthaltsamkeit erschien übermenschlich;bei der heftigsten Kälte ging er barfufs, und an die strengstenFasten gewöhnt, schien er Hunger und Entbehrung nur in der Seeleder Nothleidenden zu empfinden. So durchzog er das ganze Land,ermahnend, Bufse predigend, tröstend, vor allem aber Hülfe brin-gend, so viel er vermochte. Förmliche Zehnten forderte er ein, umGefangene loszukaufen, Arme zu unterstützen. Sein Ansehen warbald grofs im Lande; unbedingte Herrschaft über die Natur mafsman ihm bei, und Gottes Zorn traf jeden, der auf sein Wort nichtachtete.
Den merkwürdigsten Gegensatz bildet dieses Land, welches inseiner Bedrängnifs sich willig der Leitung eines frommen gottbegei-sterten Mönches hingiebt, zu den sittenlosen Grenzstädten Galliens,über deren Verderbtheit und Leichtsinn Salvian vergeblich eiferte,zu Trier, wo „selbst noch bei dem Sturme der fränkischen Siegerauf die Stadt Jung und Alt der zügellosesten Schlemmerei und Aus-schweifung sich ergiebt, mit wahrer Raserei alles dem unausweich-baren Untergang trunken und prassend entgegenstürzt"').
') Rettberg I, 25. Vgl. W. Zschimmer, Salvian und seine Schriften,Halle 1875. Ebert I, 452—454. Opera ed. C. Halm, MG. Auctt. antt. I, 1.