Lieder. Das römische Deutschland. 37
ganze Kirche feindlich gegen diese Sagendichtung, so grofse Freudeauch einzelne ihrer Diener daran haben mochten. Die Kirche aberführte damals, und bald für lange Zeit ausschliefslich und allein,den Griffel und die Feder, welche sie nicht entweihen wollte durchdie Aufzeichnungen halb heidnischer Gesänge; sie strebte vielmehrdahin, auch auf dem Felde der Dichtkunst das Christenthum zumSiege zu führen. Wir gedenken jetzt mit vergeblicher Sehnsuchtder verlorenen Sammlung Karls des Grofsen; allein die Kirche, inwelcher sich Jahrhunderte lang fast das ganze geistige Leben desVolkes uns darstellt, hat für diesen Verlust auch reichen Ersatz ge-boten, indem sie die wirkliche Geschichte der Zeit in fester, zuver-lässiger Aufzeichnung überlieferte, freilich oft in dürrer uud reiz-loser Form, aber um so treuer und wahrhaftiger.
Vor der Bekehrung zum Christenthum kann daher von einheimi-schen Geschichtsquellen nicht die Rede sein; von dem Deutschland,welches Arminius' Heldenkampf dem römischen Einflüsse entzogenhat, bringen uns nur die Werke der Römer und Griechen spärlicheKunde, und diese zu berühren, liegt aufserhalb der Grenzen dervorliegenden Aufgabe. Aber auch westlich vom Rheine, südlich vonder Donau und der Teufelsmauer liegt gegenwärtig viel deutschesLand, wohnte auch unter der Römerherrschaft manch deutscherStamm, und nicht ganz ist der Faden zerrissen, welcher in dieseZeiten hinüberführt. Der Boden selber redet zu uns in vernehm-licher Weise. Noch stehen in Trier die gewaltigen Bauten derRömer; ihre Thürme und Wälle, ihre Landstrafsen und Gräber, diezahlreichen Inschriften, welche die verschiedensten Verhältnisse desLebens berühren, entrollen vor unsern Augen ein Bild jener Zeit,da das weltbeherrschende Volk sich auch hier häuslich niederge-lassen hatte und manche blühende Stadt ein kleines Abbild derewigen Roma darbot. Wir erkennen noch ihre Capitole, ihre Tempel,Theater und Gerichtshallen, ihre Bäder und Villen, ihre Fabriken,deren Stempel auf den Trümmern der Geräthe deutlich zu lesensind. Allein das alles liegt wie eine fremde Welt hinter uns, einegewaltige Kluft trennt uns von jener Zeit, erfüllt von allem Greuelder Verwüstung und vernichtenden Kriegszügen. Der bebaute Ackerbirgt Reste von Gebäuden, die mit der sinnvollsten Technik demKlima gemäfs zu behaglicher Bewohnung eingerichtet und mit rei-chem Schmuck der Kunst ausgestattet waren; aber was blieb aufserdiesen schwachen Spuren übrig von dem einst so volkreichen undbetriebsamen Virunum? In Salzburg fand Sanct Rupert nur wald-bewachsene Ruinen des alten Juvavum, wilde Thiere hausten in den