Walther der Erzpoet. 475
Es spricht wohl hinlänglich für den Dichter, dafs man nochjetzt mit seinen Worten singt: Mihi est propositum in taberna mori,Verse, die ein Bruchstück seiner sogenannten Generalbeichte sind,in welcher er dem Erzbischof seine Sünden bekennt, um Ver-zeihung bittet und doch zugleich erklärt, dafs er von seinemLeben nicht lassen könne: bei Wein und Wasser könne er nichtdichten.
Rainald hatte diesen durstigen Poeten in den Jahren 1164 und1165 bei sich in Italien; er sollte eigentlich die Thaten des Kaisersin einem Heldengedichte feiern, allein damit ist er nie zu Standegekommen. Einzelne Gedichte aber, die er damals verfafste, sindvon der gröfsten Schönheit, und wenn sie auch keine Darstellungder Geschichte enthalten, so beziehen sie sich doch auf Ereignisseder Zeit, wie auf die Einnahme von Mailand; sie preisen das Lobdes Kanzlers und des Kaisers und gewähren für die Kenntnifs derZeit mehr als manche Chronik.
Jakob Grimm, der in neuerer Zeit am nachdrücklichsten aufdie Schönheit und den hohen Werth dieser Gedichte aufmerksammachte 1 ), hat auch über die Person des Dichters geforscht. Erhieltihn für denselben, welcher um 1220, wie Cäsarius erzählt, tod-krank an die Pforte des Klosters Heisterbach klopfte und dietiefste Reue über seinen lockeren Wandel bezeugte, sich dannkurieren liefs und sobald er hergestellt war, die Kutte abwarf unddas Weite suchte.
Seitdem ist sehr viel über diese Gattung der Poesie geforschtworden, viel neuer Stoff zu Tage gefördert, besonders von Edelestanddu Meril und von Wright, und es hat sich immer mehr als unmög-lich erwiesen, einen Verfasser festzuhalten für diese Gedichte, diebald in England, bald in Frankreich, bald in Deutschland auf-tauchen, oft an den fernsten Punkten übereinstimmend, dann aberauch wieder verschieden und mit anderen ganz neuen verbunden.Da hat nun W. Giesebrecht diese Untersuchung wieder aufge-genommen 2 ), und mit Hülfe des neu gewonnenen Materials weiter
*) J. Grimm, Gedichte des Mittelalters auf Friedrich I, den Staufer,Berlin 1843, 4. aus den Abhandlungen der Akademie (Kl. Schriften III,1_102). Nachtrag von Wackernagel in Haupts Zeitschr. V, 293-299).
2 ) Die Vaganten oder Goliarden und ihre Lieder,- in der Allgem.Monatschrift 1853. Seitdem ist viel neues Material veröffentlicht, worunterdie wichtigen Nachrichten Salimbenes und Richards von Cluny hervorzu-heben sind. Viel habe ich im Anzeiger des Germ. Museums mitgetheilt.Ein Register der Anfänge, das sich schon sehr vermehren liefse, in HauptsZeitschr. N. F. III, 469—506. Die Entstehung der Form aus altlateinischer