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2 (1894)
Entstehung
Seite
476
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476 v - Staufer. § 23. Die Lieder der Vaganten.

geführt. Er hat nachgewiesen, wie sich auf den äufserst zahlreichbesuchten Schulen Frankreichs unter den Schülern, die sich umLanfrank, Anselm, Berengar und ihre Nachfolger zu Tausendensammelten, ein sehr zügelloses Leben entfaltete, an dem vielfachLehrer und Hörer gleichmäfsig Theil nahmen, und wie damals, alsunter dem Schutze der Kreuzzugsbullen alles wanderte, auch dieseScholaren die Länder durchschwärmten als Vaganten (clerici vagi),auch Goliarden genannt. Während die Troubadours französisch, diedeutschen Spielleute deutsch sangen an den Höfen der Fürsten undEdelleute, hielten diese fahrenden Schüler fest an der lateinischenSprache und trugen ihre Lieder vor an den Höfen der geistlichenFürsten, Lieder, die oft sehr lockerer Art, oft auch ernsthaft waren.Sie waren häufig gern gesehen und vermehrten den Glanz der Hof-haltung, konnten aber auch sehr zur Plage werden, und bald sahman sich genöthigt, ernstliche Mafsregeln gegen dieses Treiben zuergreifen'). Im dreizehnten Jahrhundert kamen diese Vagantenimmer tiefer herunter, ihre Verse werden schlechter und bald ver-lieren sie alle Bedeutung für die Litteraturgeschichte.

Manche dieser Gedichte sind voll Talent, geistreich, witzig, oftsehr ausgelassen und voll des beifsendsten Spottes über die Fehlerdes Clerus, vorzüglich über die römische Curie; unter allen aberglänzen doch immer unerreicht die Verse jenes Dichters an RainaldsHofe, Walthers, des Erzpoeten, wie er sich selber nennt; ihm hatauch Giesebrecht besondere Aufmerksamkeit gewidmet und seinerPerson nachgeforscht. Er hält ihn für identisch mit Walther vonLille oder von Chatillon, dem Dichter der Alexandreis, welchedie Classiker aus den Schulen verdrängt hat. Dieser Walther hattewegen leichtfertiger Lieder, die er gedichtet, seine Stellung alsLehrer in Frankreich aufgeben müssen; später ist er in England ge-wesen, in der Zwischenzeit aber hätte er an Rainalds Hofe in Italiensich aufhalten können. Zuletzt wurde er wieder Lehrer in Chätillonund endlich Canoniker in Tournai. Doch hat 0. Hubatsch erheb-liche Gründe gegen diese Hypothese vorgebracht 2 ).

behandelt Christ. Teoph. Schlich: De poesis latinae rhythmis et rimis prae-cipue monacborum, Donaueschingen 1851. Zur Hs. u. zum Text der Car-mina Burana H. Patzig, Zts. f. D. Alt. XXXVI, 187—203. Die Lebensver-hältnisse des Archipoeta untersucht N. Spiegel, Die Vaganten u. ihr Orden,Progr. d. humanist. Gymn. zu Speier 1892, u. knüpft daran unhaltbare Ver-muthungen über die Vaganten als förmliche Genossenschaft.

') Zu dem von Giesebrecht benutzten scherzhaften Exemptionsprivilegist zu bemerken, dafs es sich auf St. Polten bezieht, Anz. XV, 199, 288.

2 ) Oscar Hubatsch: Die lateinischen Vagantenlieder des Mittelalters,Görlitz 1870. Sehr gut ist darin die Entstehung aus parodierten Kirchen-