Gerhoh von Reichersberg. 313
vollen Pfingsttag 1165, wo zu Würzburg der Kaiser die Anerkennungseines Pabstes Paschalis erzwang, wuchs Gerhohs Bedrängnifs. Zwarhielt er an Alexanders Rechtmäfsigkeit fest und behauptete sie un-erschrocken auch persönlich vor dem Kaiser, der ihn hochherziggegen den Zorn seiner Fürsten schützte, aber immer bedenklicherwurde ihm der geheime Pact mit den Reichsfeinden, dem er kaumnoch den Glauben versagen konnte. Deshalb beschwört er in drin-gendster Weise die Cardinäle, offen dem allgemein verbreiteten Ge-rüchte zu widersprechen, oder, wenn es wahr sei, sich von diesemBunde loszumachen; hätten doch auch frühere Päbste sich nichtgescheut, sich zu rechtfertigen oder auch Fehltritte nachträglich zuverbessern. Schon war die Verfolgung über den Salzburger Sprengelhereingebrochen, und viele schwankten in gröfster Gewissensnoth beidem Conflict ihrer Pflichten.
Als auch Reichersberg schon von Heinrich vom Stein heimge-sucht war und Gerhoh aus dem Kloster hatte entweichen müssen 1 ),als aber auch die Kunde von der plötzlichen Wendung der Dingeim Jahre 1167 schon eingetroffen war, schrieb Gerhoh seine Schriftde quarta vigilia noctis*). Mit dem gegenwärtigen Schisma schienihm die vierte Vigilie eingetreten zu sein; er beklagt, dafs derKaiser in die kirchlichen Dinge mit Gewalt eingreife, aber lebhafternoch und bitterer die Habsucht und den Hochmuth der Cardinäle,die neue Art, durch Geldspenden die Hülfe der Römer zu gewinnen,zu welchem Zwecke mit verdammlicher Simonie aus kirchlichenGeschäften Gewinn gemacht werden müsse; er beklagt vorzüglichdie Ueberhebung des Pabstes, der gegen das Beispiel seiner Vor-gänger dem Kaiser nicht geben wolle, was des Kaisers sei, und indie Sphäre übergreife, welche nicht die seinige sei.
Mitten in diesem Kampfe, ohne den Frieden zu erleben, starbGerhoh. Stücke aus seinen Schriften und reiche Nachrichten übersein Leben finden wir in den verschiedenen Handschriften derReichersberger Chronik, deren Anfänge noch in seine Zeit fallen.Es sind Annalen, die in ihrer einfachsten Form (A) nur bis 1167
zu lesen terruit, S. 374 Z. 21 jam f. sam. Die Anm. 2 S. 365 soll lauten:S. Greg. Opera ed. Maur. ep. XIV, 17.
') „Nun ecce in senectute mea ejectus de nidulo meo, de regularividelicet claustro mihi commisso, compellor declinare universale periculo(1. periculum) schismatis, cui si consentire voluissem, pacem qualemcunquehabere potuissem." S. 570.
2 ) Fr. Scheibelberger, Zwei ungedruckte Schriften Gerhohs, nach einerHandschrift des Klosters Reichersberg. Oesterr. Vierteljahresschrift für kath.Theol. (1871) X, 565-606.