Druckschrift 
2 (1894)
Entstehung
Seite
310
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310 V. Staufer. § 8. Gerhoh v. Reichersberg. Oesterr. Annalen.

Lebensbeschreibung des Abtes Wirnt von Formbach (1108 bis1127), die erst um das Jahr 1200 von einem Formbacher geschriebenist, und mit kindlichster Leichtgläubigkeit fast nur von Kasteiungenund Wundern berichtet; merkwürdig ist darin nur die Polemik gegendiejenigen, welche lieber heidnische Autoren lesen als Legenden,und die Wundergeschichten nicht glauben wollen (oben S. 250)').

Im Jahr 1125 war Gerhoh in Rom, wo er mit Norbert zu-sammentraf, und mit dem Eifer des Neubekehrten suchte, er Hono-rius II zur Verdammung der irregulär lebenden Canoniker zu be-wegen, was dieser wegen ihrer übergrofsen Anzahl ablehnte. Zurück-gekehrt versuchte er von seiner Pfarre Cham aus, die ihm derBischof Cuno von Regensburg verliehen, unter den Clerikern dascanonische Leben einzuführen, und erfuhr mit grofser Freude, dafsin Hildesheim Bischof Berthold (1119—1130) dasselbe hergestellthabe. Er selbst hatte dort einst eine Schrift gelesen, worin dieCanoniker sich bitter über den Bischof Hezelo beklagten, der Kirchenbaute (oben S. 29), aber als vom Königshofe kommend, vornehmeDomherren haben wollte und das gemeinsame Leben zerstörte.Auch dessen Nachfolger Uto wird als weltlich getadelt, Bertholdgelobt in Gerhohs Brief, der uns fragmentarisch erhalten ist 2 ).

Im März 1135 war Gerhoh auf dem Reichstage zu Bamberg,wo der Staufer Friedrich sich Lothar unterwarf, und traf hier mitBernhard von Clairvaux zusammen. Bedrängt von seinen Gegnern,weil er den Satz verfocht, dafs von den aus der KirchengemeinschaftAusgeschlossenen, die er Häretiker nannte, also auch von Anaclet

f. kathol. Theol. 1865, IV, 19—116 mit Uebersicht seiner Schriften, undineditis. Giesebr. IV, 402. Allg. D. Biogr. V11I, 183 von Wattenbach.Nobbe: G. v. R. Ein Bild aus d. Leben d. Kirche im 12. Jahrh. Leipz.1881. W. Ribbeck: G. v. R. u. seine Ideen über das Verh. v. Staat u.Kirche, Forsch. XXIV, 1—80, u. XXV, 556—561 Antwort auf die Ein-wendungen von Grisar. — Ungedr. Brief an Eberh. v. Bamb. in Brüsselnach Hüffer im Hist. Jahrb. VI, 249. Auszüge aus ungedr. Schriften giebtGrisar „Die Investiturfrage naeh ungedr. Schriften Gerhohs" in d. Zeitschr.f. kath. Theol. (Innsbr.) Juli 1885. Sturmhoefel, Geschichtl. Inhalt desersten Buches v. Gerhoh, Leipz. 1887. G. über die Sittenzustände d. zeit-genöss. Geistlichkeit, 1888 (Progr. d. Thomasschule). Für die MG. wirdeine Ausgabe vorbereitet. — In mehreren alten Hss. wird ihm auch dieVisio Tundali von 1148 zugeschrieben; ob er in einem Verhältnifs zur Auf-zeichnung derselben steht, ist dunkel. — NA. VI, 513 Brief über dieSchrift de transitu S. Mariae.

') Vita Wirntonis, Pez, Thes. I, 3, 399—422. Ausg. v. Holder-Egger,SS. XV, 2, 1126—1135. Genealogia fundatorum Formb. SS. XXIV, 76.

2 ) Herausgeg. v. Jaksch, Mitth. d. Inst. VI, 268, vgl. S. 261. Z. 4. 1.dicuntur st. ducuntur. Gerhoh ist nicht genannt, aber seine Autorschaftscheint mir unzweifelhaft. Zur Vergleichung lehrreich ist die Schilderung,welche Guido von Bazoches von dem Leben und Treiben der vornehmen