Druckschrift 
2 (1894)
Entstehung
Seite
297
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Memoria saeculorum. Pantheon. 297

Früher war nur eine Form von Gotfrieds Pantheon bekannt. Jetzthat G. Waitz sich der unendlich mühsamen und unerquicklichen Auf-gabe unterzogen, aus den zahlreich erhaltenen Handschriften 1 ) eineAusgabe herzustellen, welche eine vollständige Einsicht in Got-frieds schriftstellerische Thätigkeit gewährt, und auch durch dieWidmung der Memoria Saeculorum Aufschlüsse über sein Lebenbietet 2 ), während die Vorrede alle einschlagenden Fragen gründlichsterörtert.

Der geschichtliche Werth dieser "Werke ist, wie gesagt, äufserstgering; am ausführlichsten ist, wie in der Kaiserchronik, die alteGeschichte behandelt. Wichtig aber ist das Pantheon deshalb, weilhier zuerst die ganze Fülle der Fabeln auch in die gelehrte Ge-schichtschreibung einströmt und weil Gotfried dadurch einen sehrschädlichen Einfhifs auf die späteren Chronisten ausgeübt hat. Hierfinden wir den Kreuzzug Karls, allerlei Fabeln über die Ottonen,hier auch schon jenes wunderliche Märchen über Heinrichs III Ab-kunft und Geburt, und anderes der Art, und zwar steht dieses inden Versen Gotfrieds, mitten zwischen Fragmenten der geschichtlichwahren, von Otto von Freising entlehnten Darstellung. Mit derKaiserchronik, welche vorzüglich aus Legenden schöpfte, trifft Got-fried nicht zusammen, wohl aber scheint er, wie Ulman nachge-wiesen, die Poehlder Chronik oder deren sagenhafte Quelle benutztzu haben, und das 18. Buch entlehnte er aus Galfrid von Mon-mouth. Weiter lassen sich schriftliche Quellen seiner Zuthatennicht nachweisen, er schöpfte hier vorzüglich aus mündlichen Er-zählungen, die er wahrscheinlich mit eben solcher Willkür undLeichtfertigkeit behandelt hat, wie den schriftlich ihm vorliegendenText. Dafs die arabischen Erzählungen, welche im zwölften Jahr-hundert grofsen Einfiufs auf die Sagenbildung übten, wie Ulmannrichtig hervorhebt, auch bei Gotfried zu erkennen sind, ist nachseiner eigenen Angabe über die Mittheilungen von Sarrazenen sehrglaublich, und zu jenem Märchen von Heinrichs III Kindheit hatA. Weber eine indische Parallele, aller Wahrscheinlichkeit nach in-dischen Ursprungs, nachgewiesen 3 ).

*) Nicht benutzt ist eine Handschrift s. XIV in Viterbo, erwähntAroh. XII, 475. Ueber eine Lond. Hs. NA. IV, 345; Fragment in Wies-baden IX, 612.

-) Zu bedauern ist, dafs der Mangel specieller Ueberschriften die Auf-suchung einzelner Abschnitte sehr erschwert. Die S. 305 aufgenommenenVerse sind aber nicht von Gotfried, sondern die Praedicatio Goliae beiWright, Walter Mapes S. 31.

3 ) A. Weber: Ueber eine Episode im Jaimini-Bhärata, Berichte der