Druckschrift 
2 (1894)
Entstehung
Seite
294
Einzelbild herunterladen
 

294 V. Staufer. § 6. Gotfried v. Viterbo.

rung, welche er in der Widmung seiner Memoria Saeculorum vonder Mühsal seines vielbewegten Lebens entworfen hat, um die Kritikzu entwaffnen. Bald in einem Winkel der Kaiserpfalz schreibend,bald auf der Reise vom Pferde steigend und für kurze Zeit imSchatten eines Baumes ruhend oder in einem Walde sich bergend,im Heere vor einer belagerten Burg liegend, von Gefahren um-geben, so hatte er das Buch zu Stande bringen müssen. Er selbstfindet es sehr wunderbar, dafs es ihm doch so schön gelungen sei.Frage man ihn aber, woher er denn das alles genommen habe, soerwiedere er, dafs er vierzig Jahre lang in allen Reichen und Kirchen,wohin er nur gekommen sei, die Bücherschätze durchmustert undalle Blüthen daraus gesammelt habe. Hierzu ist nun eine sehrwillkommene Erläuterung gekommen durch ein von L. Delisle ver-öffentlichtes Stück aus einer Hs. des Speculum regum 1 ). Da wirdnamentlich die Pfalz zu Hagenau gepriesen, wo eine reiche Biblio-thek sich befand: hier und in Aachen, sagt Gotfried, habe er gelernt,was er in seinen Schriften wiedergab. Auch Speier preist er, undwir erfahren, dafs er dort Domherr war. Nicht minder lobt er auchWorms und den Bischof Konrad.

Auch Griechen, Sarrazenen, Perser und Armenier kamen, someldet er in der Memoria Saeculorum, häufig als Gesandte an denHof des Kaisers und des Pabstes; sie haben ihm viel erzählt undzuweilen auch Schriften mitgetheilt. Bei solcher Entstehung ist esnun wohl nicht zu verwundern, wenn Gründlichkeit und Sauberkeitin Gotfrieds Schriften fehlen, und wenn wir dagegen allerlei Sagenund Fabeln darin finden. Gar wunderbar und wenig ansprechendist auch die Form, indem er, wie vor ihm schon Balderich vonBourgueil 2 ), immer auf zwei Hexameter einen Pentameter folgenläfst; die Metrik ist darin nicht minder nachlässig und willkürlichbehandelt als die Grammatik. So verarbeitete er, wie Scheffer-Boichorst sich ausdrückt, auf dem poetischen Hackbrett die ganzeWeltgeschichte.

Um 1183 verfafste Gotfried für den jungen König Heinrich dasSpeculum Regum, worin er, von der Sündfluth anhebend, den ge-meinsamen Ursprung der Römer und der Franken durch die Tro-janer nachweist, und die Vereinigung beider Zweige in Karl demGrofsen, nebst den Thaten ihrer Könige bis zu Pippins Krönung.Er will vorzüglich die Jugend belehren, und hofft, dafs der König

: ) Litterature latine et histoire du moyen-äge (1890) in den Instructionsadressees par le Comite des travaux hist. etc. p. 43—50.2 ) Delisle, Baudry de Bourgueil, S. 44.