Druckschrift 
2 (1894)
Entstehung
Seite
287
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Echtheit des Ligurinus. 287

unecht erklärt, und wenn es auch niemals ganz an Widerspruch ge-fehlt hat 1 ), so hatte sich doch bis vor kurzem die Meinung fest-gesetzt, dafs der Ligurinus eine humanistische Fälschung sei. Dazubewogen vorzüglich zwei Wahrnehmungen. Erstlich fand man sach-lich fast nichts darin, was nicht auch in den Gesten steht. Auchein späterer Fälscher hätte deshalb, wie man meinte, den fertig vor-liegenden Stoff in poetische Form bringen können; ein Zeitgenosseaber würde doch wohl etwas mehr Rücksicht auf die inzwischenverflossene, inhaltreiche Zeit genommen haben. Noch bedeutendererschien das zweite Bedenken, nämlich die für einen Dichter deszwölften Jahrhunderts zu reine Sprache, die fast tadellosen Verse.Dieser damals herrschenden Ansicht trat 1870 A. Pannen-borg mit einer Abhandlung im elften Bande der Forschungen ent-gegen. Gleichzeitig und völlig unabhängig war auch Gaston Parisin dem damals belagerten Paris auf dieselbe Ansicht gekommen,welche er im Januar 1871 der Academie vortrug, und mit einemzweiten Theil, der auf Pannenborgs Abhandlung Rücksicht nahm,1872 veröffentlichte. Auf die Beweisführung selbst einzugehen,können wir hier im Hinblick auf die eben angeführten Schriftenunterlassen; es genügt zu sagen, dafs die Gründe vollkommen über-zeugend sind, und nirgends Widerspruch gefunden haben. Vorzüg-lich eingehend hat A. Pannenborg nachgewiesen, dafs Sprache undVersbau allerdings dem ausgehenden zwölften Jahrhundert vollstän-dig entsprechen. Man liebte damals freilich sehr die mannigfaltiggereimten und auf verschiedene Weise verkünstelten Hexameter,allein man wufste doch recht gut, dafs im Alterthum andere Regelngegolten hatten, und für die Beobachtung derselben finden sich auchandere Beispiele. Ebenso ist die Versificierung eines fertig vor-liegenden Stoffes, ohne auf sachliche Zuthaten Anspruch zu machen,seit dem sogenannten Poeta Saxo häufig vorgekommen, und galtfür eine hervorragende und verdienstliche Leistung; Walther vonChätillon, Joseph von Exeter, Aegidius von Paris, Wilhelm Britto 2 ),bieten■ vollkommene Seitenstücke; auch einer Versification der Ge-schichte vom ersten Kreuzzug wurde schon oben (S. 178) gedacht.In Frankreich ist damals diese Kunst in lebhafter Uebung gewesen,und man hat es da zu einer sehr sicheren Beherrschung der Form

J ) Aufser W. Grimm auch Docen, Arch. TV, 355.

2 ) Auszüge aus dessen Philipis (zum Preise von Phil. II Augustus)SS. XXVI, 319—389. Darin Anklänge an den Ligurinus nach Pannenborg:Zur Kritik der Philipis, Aurich 1880, S. 23.