Druckschrift 
2 (1894)
Entstehung
Seite
282
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282 V- Staufer. § 4. Otto von Freising und seine Portsetzer.

Manches hatte Rahewin selbst erlebt und gesehen; aus der kai-serlichen Kanzlei erhielt er Actenstücke und Nachrichten, anderevon den Bischöfen von Bamberg, Freising und Brixen, vom Erz-bischof von Salzburg, und mündliche Berichte betheiligter Personenvervollständigten das Material, 'welches er kunstvoll bearbeitete. Mitdem Jahr 1160 schlofs er seine Arbeit ab, und zwar nach demWortlaut in demselben Jahr. H. Prutz 1 ) hat freilich nicht unerheb-liche Gründe für eine spätere Abfassung geltend gemacht, allein erhat den Epilog übersehen, in welchem Rahewin das fertige Werknächst dem Kaiser auch dem Kanzler Ulrich und dem ProtonotarHeinrich überreicht. An diese beiden ist auch der Prolog gerichtet;sie hatten ihm durch ihre Mittheilungen die Ausführung ermöglicht.Ulrich aber ist 1162 Bischof von Speier geworden und schon 1163gestorben. Dieser Gegengrund scheint mir entscheidend zu sein,und wir müssen deshalb annehmen, dafs die Imperfecta, in welchenIII, 14 von Bischof Hartmanu von Brixen, IV, 73 von ErzbischofEberhard von Salzburg geredet wird, nicht auf ihren erst 1164 er-folgten Tod schliefsen lassen.

Mit der Yierzahl der Evangelien will Rahewin das Werk ab-schliefsen; es mochte ihm zu mühsam oder wegen des wachsendenKirchenstreits zu bedenklich geworden sein. Doch dachte er viel-leicht an eine Fortsetzung, da die kurzen Nachrichten von 1160bis 1170, welche unter dem Namen der Appendix zu seinemWerke bekannt sind 2 ), wohl mit Recht von Wilmans ihm zuge-schrieben werden.

An philosophischer Tiefe mag Otto den Rahewin übertroffenhaben, aber keineswegs an den Eigenschaften, welche dem Geschicht-schreiber am nöthigsten waren; vielmehr ist Rahewin darin seinemMeister vorzuziehen, dafs er sich nicht durch philosophisch-theolo-gische Gesichtspunkte leiten läfst, sondern seine volle Aufmerksam-keit der Geschichte unbefangen zuwendet, und kein anderes Zielerstrebt als diese der Nachwelt zu überliefern. In der Meisterschaftder Sprache und der Darstellung aber ist kaum ein Unterschied zubemerken. Als gleichzeitiger Bericht über die Geschichte der Ge-genwart ist das Werk Rahewins schwerlich übertroffen. Eine selb-ständige Meinung zu äufsern in dem jetzt heftig entbrennendenStreit zwischen Pabst und Kaiser, vermeidet auch er, und verweistden Leser auf die in reicher Fülle mitgetheilten Briefe, um darausseine Ansicht sich selber zu bilden.

') Radewins Fortsetzung der Gesta Friderici, Danzig 1873."■) MG. SS. XX, 491-493; S. 277—280 der neuen Ausgabe.