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2 (1894)
Entstehung
Seite
274
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274 V. Staufer. § 4. Otto von Freising und seine Fortsetzer.

Wir müssen es als ein besonderes Glück betrachten, dafs einMann in solcher Stellung, der zugleich so vollständig im Besitzeder damals erreichbaren Bildung -war, es unternahm Geschichte zuschreiben. Zwischen den Jahren 1143 und 1146 hat er seineChronik yerfafst, die er seinem Freunde Isingrim, aller Wahrschein-lichkeit nach dem Abt von Ottobeuren 1 ), widmete. Sie unterscheidetsich wesentlich von allen Werken, die wir bisher zu betrachten ge-habt haben, durch die vollständige Beherrschung des Stoffes unddie "Verarbeitung desselben nach bestimmten Gesichtspunkten. Nurauf der Grundlage der grofsen chronologischen Arbeiten der vorigenPeriode, namentlich des Ekkehard, den er am meisten (doch nurbis 1106) benutzt hat, war ein solches Werk überhaupt möglich 3 ).Man nennt es gewöhnlich seine Chronik, allein es ist keine Chronikund er selbst nennt es auch nicht so, sondern das Buch von denzwei Reichen (de duabus civitatibus). Seine ganze Richtung istweniger historisch als vielmehr philosophisch, was sich aus seinemBildungsgange hinlänglich erklärt. Er schliefst sich unmittelbar anAugustin und Orosius an, deren Idee er wieder aufnahm. SeineAbsicht ist, das Elend dieser Welt, der Babel, und die Herrlichkeitdes Reiches Gottes, des himmlischen Jerusalem, zu schildern. Erwill sie darstellen in ihrer irdischen Vermischung, davon handeln dieersten sieben Bücher, und das achte berichtet dann vom Weltunter-gang, von der Scheidung beider Welten nach der Auferstehung, undvon dem entgegengesetzten Ausgang beider 3 ).

Otto verfafste dieses Werk zuerst in der Zeit vor dem Kreuz-zug Konrads, als die Zerrüttung des Reiches durch die langedauernden und entscheidungslosen Parteikämpfe aufs äufserste ge-stiegen war, als alles von Krieg und Fehden, von Raub und Branderfüllt war. Dabei fühlte sich Otto auch in seiner Betrachtungder Geschichte beengt durch seine doppelte Stellung, einerseits alsMönch und Bischof, andererseits als Fürst des Reiches und ersterRath des Königs. Auf allen Seiten sah er nur gutes und böses un-heilbar vermengt und den Untergang der Welt nahe bevorstehend:nur die Frömmigkeit und die Gebete der Mönche, meinte er,gewähren noch ein Gegengewicht gegen die Schlechtigkeit derMenschen.

: ) So (mit Pertz) Baumann, NA. VI, 600, gegen Wilmans.

2 ) Die Quellen s. bei Wilmans u. oben S. 96 über David.

3 ) Vgl. hierzu Büdinger, HZ. VII, 117, u. Die Entstehung des 8. Buches0. v. Fr. Eine universalhist. Studie: Wiener SB. XCVIH, 325—365. E.Bernheim in dem oben angeführten Aufsatz.