Der falsche Turpin. Lothars Wahl. 251
ausbleiben, dafs auf den Höhepunkt der mittelalterlichen Histo-riographie ein rascher Verfall folgte, dessen Verlauf wir hier nichtweiter verfolgen werden').
Auch in den romanischen Ländern hört mit dem dreizehntenJahrhundert die Kirche auf, die Hüterin der Geschichte zu sein,aber hier haben mittlerweile die Laien bereits einen solchen Gradder Bildung gewonnen, dafs sie in vollkommen ebenbürtiger Weisedie Aufgabe übernehmen können; es tritt hier eine wissenschaftlicheEntwickelung ein, gegen welche Deutschland weit zurückbleibt.Nur langsam und vereinzelt entstehen in den deutschen StädtenChroniken, noch später Landesgeschichten, und auch diese werdenzum Theil von Geistlichen geschrieben; der künstlerischen Formentbehren sie fast ohne Ausnahme. Auch waren gerade die gedie-gensten durchaus nicht für die Oeffentlichkeit bestimmt, wurdenvielmehr streng geheim gehalten, und konnten deshalb keine Ein-wirkung üben. Zwischen dem Verfall der kirchlichen Geschicht-schreibung aber und dem Beginn der weltlichen und partikularisti-schen liegt ein Zwischenraum grofser Oede, welcher mit dem un-seligen Zwischenreich, der Periode allgemeiner Zerrüttung und Er-schöpfung zusammenfällt und unsere Aufgabe begrenzt.
§ 2. Die Zeit Lothars und Konrads.
Mit dem Tode Heinrichs V legte Ekkehard die Feder nieder.Ueber die Wahl Lothars hat einer der anwesenden Cleriker, ver-muthlich ein Oesterreicher und ganz der extremen kirchlichen Rich-tung des Erzbischofs Konrad von Salzburg zugethan, einen Berichtabgefafst, der uns noch erhalten ist 2 ); hoch erfreut über den Siegseiner Partei sieht der Verfasser in allem, was geschah, das Wirkendes Heiligen Geistes. So dankbar wir ihm nun auch sein müssenfür die Nachrichten, welche er uns aufbewahrt hat, so vermissenwir doch ungern genauere Angaben über die Motive dieser so wich-tigen Wahl und die Mittel, durch welche sie zu Stande gebrachtwurde. Denn was in jener Erzählung gesagt wird, beschränkt sich
1 ) Dümmler machte mich darauf aufmerksam, dafs Leibniz in derEinleitung zum Gervasius Tilb. (SS. I) ganz übereinstimmende Bemerkungenausgesprochen hat.
2 ) Aus der einzigen Götweiger Handschr. nach Pez u. a. gedr. in Böh-mers Fontes III, 570 — 574. MG. SS. XII, 509 — 512 ed. Wattenbach.S. 511, 42 ist mit Mascov und Giesebrecht für ceptus zu bessern certus.Mit dieser Correctur bei C. Will, Keg. Mogunt. I, 276—278. Kritik beiW. Bernhardi, Lothar, S. 818—822.