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immer fabelhaftere Legenden verbreitet, um den Zulauf zu denWallfahrtsorten zu vermehren, und sie beschränkten sich nicht mehrauf die ferne Vergangenheit, sondern besudelten auch die näherliegende, völlig geschichtliche Zeit. Ein Büchlein, das um 1050 inCompostela zur Verherrlichung des dortigen Heiligthums entstandenwar, wurde vom Erzbischof Guido von Vienne, als er 1108 seinenBruder, Graf Raimund von Galizien besuchte, mitgebracht, und er-hielt auf seine Weisung eine Erweiterung durch einen Mönch vonSt. Andreas zu Vienne (1110—1115). So entstand die lügenhafteChronik des falschen Turpin, welche, da Guido als Calixt II Pabstwurde, und die Phantasterei zu den herrschenden Kreuzzugsideenstimmte, unverdientes Glück machte 1 ). Die Legende vom heiligenKarl nahm den Kreuzzug des Kaisers als Thatsache auf; aus demthatkräftigen Heinrich II machte die Bamberger Kirche einen Bet-bruder. Nicht besser ging es dem König Stephan von Ungern.Welches Fabelgewebe sich an die Trierer Reliquienfunde anschlofs,ist in neuerer Zeit genugsam erörtert worden. Zu den unver-schämtesten Erfindungen gehört ferner die St. Emmerammer Schriftüber ihren angeblichen h. Dionysius. Wohl sträubten sich vielegegen diese Fabeleien, in den Stiftern selbst fanden sich Spötter,und die Polemik gegen diesen Unglauben ist ein beachtenswertherZug, z. B. in den Salzburger Wundergeschichten, in den Wunderndes h. Anno. Der Verfasser der Vita Wirntonis eifert nachdrücklichgegen die Profanen, welche von Legenden nichts hören mögen undlieber im Cicero, Vergil, Ovid lesen 2 ). Aber die Wundergeschichtengewannen die Ueberhand, und von der anderen Seite gesellten sichzu ihnen die Dichtungen des karolingischen Sagenkreises. So ver-liert sich allmählich der Sinn für historische Wahrheit; die Vorzeitwird mit Fabeln und absichtlichen Erdichtungen ausgefüllt, und diebis dahin so sorgsam benutzten echten Quellen, für die danebenkein Platz bleibt, werden gänzlich verdrängt. Da konnte es nicht
J ) De Pseudo-Turpino diss. Gaston Paris, Paris 1865. Anz. vonS. Abel GGA. 1866 S. 1295—1301. Vgl. Gervinus, Geschichte der deutschenDichtung I, 360. Ausg. v. Castetz, Paris 1881. Verwiesen wird auch aufDozy, Recherches sur l'hist. etc. de l'Espagne, 3. ed. 1881. Gundlach NA.XV, 88—102 schreibt auch die Vienner Urkundenfälschungen Guido zu,doch scheint der Grundstock älter zu sein, von Guido aber vermehrt, s.ib. XVI, 643. XVII, 448.
2 ) „Qui gesta Sanctorum non solum legere dedignantur sed nee audirequidem dignantur, sed solent ea odisse et fastidisse, magis diligentes com-menta Maronis, scripta Ciceronis, nenias Nasonis, quam signa Nicolai, vir-tutes Egidii et aliorum Christi amicorum." Prologus Vitae Wirntonis beiPez, Thes. I, 3, 399. MG. XV, 2, 1127.