Indicationen zur Extraction. 659
Bei den letzteren ist bezüglich der Indicationen zu bemerken, dasssofort nach jeder Wendung die Frequenz der Herztöne gezähltwerden muss; denn die Wendung hat durch die Gefahr eines Druckesauf die Nabelschnur, vielleicht auch durch den mechanischen Reiz desErfassens einen schädlichen Einüuss auf das Kind. Sind die Herztöneschlecht oder gar nicht zu hören, so ist bei vollkommen eröffnetemMuttermund absolut kein Grund vorhanden zum Warten; dies ist auchnoch von keinem Menschen gerathen oder verlangt worden. Sind dieHerztöne zu hören oder bessern sie sich, so ist ebenso wenig eintriftiger Grund zur beschleunigten, sofortigen Extraction gegeben undes oft genug im Interesse der Mutter gelegen, die Entleerung des Uterusnicht zu überstürzen. Ist aber der Muttermund nicht vollständigeröffnet gewesen, als die Wendung unternommen wurde, so stehtder Arzt vor einer ziemlich verantwortungsvollen Sachlage. Die so-fortige Extraction führt leicht zu tiefen Rissen der Cervicalwand unddarauffolgenden schweren Blutungen, zugleich zu gefährlichen Eingangs-pforten der septischen Infection.
Für alle Fälle lässt sich nur der Rath geben, wenn man zurRettung des Kindes auch die Extraction wagen will, grösste Vor-sicht zu üben, wenn sich der retrahirte Muttermund um denHals des Kindes zusammenschnürt. Der Anfänger wird hiebeibesser zurückhalten, der Geübtere, der auch schon schwere Risse er-lebt und die daraus folgende Blutung ohne dauernden Schaden gestillthat, darf darin mehr wagen.
Die Operation muss selbstredend in jedem einzelnen Fall so raschals möglich gemacht werden. Es wird auch Niemandem einfallen, aufdie Maximalzeit sich etwas zu Gute zu thun, weil man doch immernach Ablauf mehrerer Minuten ein schwer dysapnoisches Kind be-kommt, das auch nach seiner Wiederbelebung leicht einer daran an-schliessenden Atelectase erliegt.
Historische Notizen. Die' Geschichte der Beckenendlagen haben wirschon berücksichtigt. Sie zeigt, welche Wandlungen vorgekommen sind undwelchen Unterschied die verschiedene Behandlung auf die Prognose übte. P u z o szum Beispiel, der die Zange noch gar nicht kannte, bemerkte zur Empfehlungseines Handgriffes: II est rare, que de cette fa90n l'on n'amene les enfants vivans.Und die Lachapelle, welche die Einsicht besass, dass die manuelle Extractionbesser sei als die Zange, hatte bei der Extraction so gute Resultate und speciell auchbeim engen Becken, dass man dieselben nicht glauben wollte. Schröder führtdem gegenüber einen Contrast an, der aufs schlagendste den Nachtheil der Zangebeweist. Er citirt Michaelis' Berichte über die Wendung beim engen Becken.Da einem Geburtshelfer, dem noch bei den hochgradigsten Beckenverengerungendie glückliche Durchführung der Perforation gelang, manuelle Geschicklichkeitnicht abgesprochen werden kann, so musste es bei diesem an der Methode derZangenapplication liegen, wenn in der Privatpraxis bei engen Becken und Becken-endlagen alle Kinder todt zur Welt kamen. Von den auf die Füsse gewendetenKindern konnte im Spital keines, in der Privatpraxis nur das sechste Kindgerettet werden.
Offenbar war durch die Anpreisungen der Zange an den nachfolgendenKopf das Vertrauen verloren gegangen zu den früher geübten manuellen Extractions-methoden. Es musste erst eine Neuerung in der Technik das Vertrauen wieder-