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Lehrbuch der Geburtshülfe für Ärzte und Studierende
Entstehung
Seite
575
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Chloroformnarkose bei der Wendung. 575

Mit dieser Lagerung ist für den Geburtshelfer auch die Wahlder operirenden Hand entschieden. Vom Rücken der Kreissenden auskann er für die oben angenommene Lage nur die linke Hand benutzen.Die rechte wäre nicht einzuführen, ohne sie in einer unnatürlichen, jaunmöglichen Art zu verschränken.

Wer diesen Vorschriften folgt, braucht also nur die Kindes-lage genau zu ermitteln, wozu bei Querlagen besonders die äussereUntersuchung dient. Ist ihm klar, auf welcher Seite der Mutter dieFüsse liegen, so geben sich alle übrigen Anordnungen von selbst. Aberin der Diagnose der Lage darf, namentlich in dem einen Punkt, keinIrrthum mit unterlaufen, weil sonst die Wendung durch eine falscheSeitenlage erschwert würde.

Zu dieser Operation ist die Chloroformnarkose einzuleiten,wo es nur irgend möglich ist. Die Seitenlage ist nicht hinderlich, wieso oft zur Empfehlung des Querlagers gesagt wird; den Kopf stetsauf die Seite zu legen, ist sogar beim Chloroformiren von vornhereinund für jede Lagerung dringend anzurathen, damit Zungengrund undKehldeckel nicht so leicht nach rückwärts sinken und zur Asphyxieführen. Bei noch stehender Blase oder kurz nach dem Blasensprunggeht die Wendung so leicht, dass die einmal narkotisirte Kreissendein der Betäubung verharrt, bis die Operation vollendet ist. In schwie-rigen Fällen ist das Chloroform geradezu unerlässlich. Hiebei ist aberauch gewöhnlich die Eile nicht gross, so dass der Geburtshelfer, wennnothwendig, wohl einen Collegen beiziehen kann, um mit grössererSicherheit die Narkose überwachen zu lassen.

Am schmerzhaftesten ist übrigens das Eingehen der Hand durchdie Vulva und Vagina. Aber wie schon die Lachapelle angegebenhatte, nur das erstmalige-Eingehen. Der Schmerz in den Genitalienist viel empfindlicher und regt die Narkotisirte noch zu Schmerzens-äusserungen auf, wenn die Conjunctivae schon längst reactionslos ge-worden sind. Man kann sich also nicht damit begnügen, die Reflex-erregbarkeit an der Augenbindehaut zu prüfen, sondern muss sich nachder Reaction an dem Scheideneingang richten, um einer vollkommenenNarkose sicher zu sein. Um übrigens den Schmerz auf das Unver-meidliche zu beschränken, sehe man darauf, die Schamhaare nicht mitzu fassen und zu zerren, und halte beim Eingehen durch die Vulvamit der anderen Hand die Labien aus einander.

Jedesmal lege man noch vor dem Einführen der Hand eineMundsperre oder einen Holzkeil zwischen die Kiefer, damitman bei dem reflectorischen Glottiskrampf, der fast regelmässig eintritt,wenn die Hand in den Uterus gelangt, alles zurecht hat, um die Zungen-wurzel und die Epiglottis mit dem Finger hervorzuholen. Dass mansich nach künstlichen Zähnen oder einem Gebiss, ferner nach den kurzvorher genossenen Nahrungsmitteln erkundige, gehört zu den allgemeinenVorsichtsmassregeln beim Chloroformiren, ebenso wie die Untersuchungdes Halses auf Struma und die des Herzens, was wir hier nur wieder-holen, weil dergleichen nie zu oft hervorgehoben wird.