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Lehrbuch der Geburtshülfe für Ärzte und Studierende
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490
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490 Begriffsbestimmung und Pathologie des Puerperalfiebers.

diagnosticirten die Aerzte noch vor 50 JahrenPuerperalfieber". DiesesWort galt also nur den schwersten Formen der Wochenbettserkrankungen,und es gibt noch heute Aerzte, welche nur dann die Diagnose Puerperal-fieber als richtig anerkennen, wenn die Wöchnerin auf den Kirchhofkommt.

Wir müssen fragen, wie die Aerzte vor 50 Jahren die leichterenErkrankungen auffassten? Diese wurden meist in einen Topf geworfenunter den BegriffMilchfieber". Gerade diese Erinnerung an denMissbrauch des Namens Milchfieber und die dadurch entstandene Ver-wirrung gibt die Berechtigung, diesen unbestimmten Sammelnamen ganzzu verwerfen.

Auch der Name Puerperalfieber ist für die heutigen Anschauungenkeineswegs mehr passend, aber noch nicht vollständig zu entbehren.Er muss aber eingeschränkt und darf nur noch angewendet werdenfür diejenigen fieberhaften Erkrankungen des Wochenbettes,welche auf einer Tnfection mit pyogenen oder septischen Mi-kroorganismen oder auf Intoxication beruhen und zu Allge-meinerkrankungen, zu Verschleppung der Ansteckungs- undGiftstoffe geführt haben, so dass noch andere Organe als dieverwundeten Genitalien und ihre nächste Umgebung in Mit-leidenschaft gezogen sind. Wir wollen, um das Gesagte durch einBeispiel zu erläutern, nur dann von Puerperalfieber sprechen, wenn eineseptische Ansteckung ausser der Entzündung der Gebärmutter zu einerFüllung der Gefässe mit Thromben führte und die losgeschwemmtenPfropfe in den Lungen u. s. w. neue Krankheitserscheinungen wach-gerufen haben, oder wenn das Peritoneum, die Gelenke u. dergl. inMitleidenschaft gekommen sind.

Dass das Kindbettfieber eine von den Geschlechtstheilen aus-gehende Ansteckung ist, haben wir Eingangs des Buches nachgewiesen.

Nun bietet die Erkrankung im klinischen Bilde die grössten Ver-schiedenheiten. Es war danach die Vermuthung berechtigt, auch eineVerschiedenartigkeit der Ansteckungskeime anzunehmen. Da die Impfun-gen der Krankheitsproducte bei schwerem Puerperalfieber auf der Nähr-gelatine schon früher regelmässig den Streptococcus pyogenes zeigten,konnte man denselben als Keim des Puerperalfiebers bezeichnen. Dochhaben erst die Untersuchungen von Döderlein, Winter, v. Ott undCzerniewski volle Klarheit und eine wichtige Erweiterung unsererKenntnisse gebracht.

Es ist jetzt bewiesen, dass die schweren Erkrankungenan Puerperalfieber in der Regel auf Infection durch Strepto-coccus pyogenes und zwar von der Gebärmutter aus ent-stehen und die leichteren Erkrankungen, die man früher oftübersah, durch Keime geringerer Pathogenität oder durch einequantitativ sehr geringe Infection des Streptococcus pyogenesbedingt sind. Zu diesen Spaltpilzen geringerer Bösartigkeit gehörendie Bacillen u. a., d. h. gerade die früher im Vordergrund der Discussiongestandenen Fäulnisskeime oder eigentlichen septischen Mikroben.