Die Form des platten Beckens. 381
dieses Beckens der Vergessenheit wieder entzogen zu haben, nur hatte er Un-recht, die Raumbeschränkung auf bloss 7 2 Zoll und das ausschliessliche Vor-kommen der Beckenart bei kleiner Statur anzugeben. Nägele stellte diesenletzteren Punkt richtig. Michaelis und Litzmann verdanken wir auch hierinvolle Klarheit und Würdigung.
Partiell verengte Becken.
I. Im geraden Durchmesser.
I) Das gewöhnlich oder einfach') platte Becken (Pelvis plana Deventeri).
Literatur.
Betschier: Annalen der Min. Anstalten. Breslau 1832. Bd. I. p. 24. 60.Bd. IL p. 31. — Michaelis: 1. c. p. 127. — Litzmann: 1. c. p. 44. — Schröder:Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett, p. 70.
Betrachten wir das einfach platte Becken am Skelet, so habenwir als Merkmal die Annäherung des Promontorium an die Symphyse.Dabei hat das Kreuzbein eine vollkommen normale Form, die Krüm-mung von oben nach unten in der Länge des Kreuzbeines bildet einengleichmässigen Bogen. Ein Sägescbnitt, quer durch das Kreuzbeingelegt, würde überall einen nach vorn concaven Rand haben, so dassalso die Körper des Kreuzbeines nicht aus den Flügeln herausgetretensind, wie dies beim rhachitischen Becken der Fall ist. Die Darmbein-schaufeln sind nicht auffallend flach zum Horizont, die Linea innomi-nata ist schön geschweift, nicht hinter den Pfamrengegenden geknickt.Mit anderen Worten, wir haben keine Zeichen der rhachitischen Dif-formität. Auch an den übrigen Knochen fehlen die rhachitischen Ver-änderungen.
Die Trägerinnen solcher Becken bieten in ihrer Erscheinung nichtsauffallendes. Sie können gross und schlank gewachsen sein. Alle An-zeichen der Rhachitis fehlen. In der Anamnese kommt die Angabe,dass sie das Laufen spät gelernt haben, nicht vor. Sie haben mit 12bis 16 Monaten gehen können. Sehr häufig gehören die Frauen, andenen der Arzt die Diagnose des einfach platten Beckens zu stellenGelegenheit bat, den besser situirten Ständen an, bei denen körperlicheArbeit nicht vorkommt, bei denen also auch die Vermuthung, dass eineUeberlastung der Wirbelsäule während der Entwicklungszeit das platteBecken gemacht habe, nicht zutrifft. Man muss trotz solcher nichtbestätigender Angaben daran festhalten, dass bei dem einfach plattenBecken, wie das ganze Skelet, so auch das Becken vollkommen normalangelegt und ausgewachsen sei, dass aber das Kreuzbein und be-sonders die ersten Wirbel abnorm weit in das Becken hinein-
*) Den Ausdruck „einfach" gebrauchen wir hier als gleichbedeutend mit„das gewöhnliche" platte Becken und im Gegensatz zu rhachitisch. Michaelisstellte mit dieser Bezeichnung zuerst einen Gegensatz auf zwischen einfachem unddoppeltem Promontorium (1. c. p. 151).