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Lehrbuch der Geburtshülfe für Ärzte und Studierende
Entstehung
Seite
375
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Die Momente der Ausbildung des normalen Beckens. 375

heit und steilen Stellung der Darmbeinschaufeln beim Neu-geborenen.

Die Ausbildung der Beckenform hängt * wesentlich von den er-wähnten zwei Momenten ab. Es wachsen die beiden Kreuzbeinfiügelbedeutend stärker aus, sie werden überhaupt beim weiblichen Geschlechtbreiter als beim männlichen und bedingen dadurch eine grössereQuerspannung. Diese Querspannung wird noch erhöht durchden Zug an den Ligamenta ileo-sacralia und ileo-lumbaliaoder vaga posteriora. Der Zug entsteht durch das Tiefertreten,also durch die Belastung der Wirbelsäule. Die Bänder werden dadurchgespannt,, und da sie am hinteren freien Kamm der Hüftbeine sich an-setzen, streben sie dahin, die hinteren oberen Ränder der Hüftbeine derMittellinie zu nähern. Zwischen diesen Knochen ist jedoch das Kreuz-bein eingeschaltet, die Annäherung der hinteren Ränder verlangte ne grössere Querspannung des vorderen Ringes. Die Hüft-beine müssten, wenn sie vorn nicht durch eine feste Verbindung zu-sammengehalten würden, von einander klaffen. Thatsächlich geschiehtdies auch, wenn man die Symphysis pubis spaltet (M. B. Freund),und bildet sich beim Mangel einer knöchernen Verbindung vorn einebreite Spalte zwischen den Schambeinen aus (vergl. gespaltenes Becken).Zu den zwei erwähnten mechanischen Momenten der Beckenbelastungdurch den Rumpf und der Querspannung kommt noch ein drittes hinzu:der Gegendruck von Seiten der Schenkel und theilweise auch derSitzbeine.

Diese Factoren in Verbindung mit dem Muskelzug, dessen Be-deutung ganz besonders Kehr er studirt hat, bedingen bei richtigemWachsthum und gesunder Knochenbildung in ihrer Gesammtheit das nor-male Becken. Kommt durch irgend welche Krankheiten eine stärkereEinwirkung eines der Momente auf die Beckenknochen zur Geltung,so erhält man Verunstaltungen und Verengungen des Beckens.

Der Streitfrage, ob die Knochenerkrankungen als die Hauptursache derVerengerungen zu betrachten seien und es der mechanischen Momente zur Er-klärung gar nicht mehr bedürfe, können wir hier, nicht nähertreten. Doch habenwir unserer Auffassung genügend Ausdruck gegeben, dass man den Einfluss dermechanischen Einwirkung nicht leugnen kann. Immerhin bleibt es unbestrittenein grosses Verdienst Pehling's, die mannigfachen Beckendifformitäte'n der Neu-geborenen aufgedeckt zu haben.

Wir müssen ebenfalls Verzicht leisten, die höchst interessanten Ausführungenüber Architektonik des Beckens von W. A. Freund, die er neulich in seinemWerk: Gynäkologische Klinik p. 50 u. ff. niedergelegt hat, ausführlich zu er-wähnen. Wir können nur andeuten, dass das Becken als ein Gewölbebau aufzu-fassen ist, zunächst bestehend aus dem Kreuzbein und den zwei Hüftbeinen. Daserstere empfängt den Rumpfdruck und überträgt ihn durch zwei besonders massiveTragsäulen zunächst auf die Schenkelköpfe und auf die Sitzbeine. Der vordereBeckenring, d. h. der vor den Schenkelköpfen liegende Halbring (die Schambeine)dient nur zum Schutz vor dem Auseinanderweichen oder Einknicken. Die Darm-beinschaufeln sind Verstärkungen für die massiven Tragsäulen der Hüftbeine nachdem Princip der T-Eisenconstructionen der Technik.