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Lehrbuch der Geburtshülfe für Ärzte und Studierende
Entstehung
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309
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Retroflexio uteri gravidi. 309

Gebärmutterentzündung und Peritonitis tritt nicht so bald auf. Esbehält deswegen der Uterus längere Zeit als man vermuthen könnte,die Fähigkeit, aufgerichtet zu werden. Nicht so sehr durch Peritonitis cheAblagerungen und die Ausbildung von Pseudomembranen wird dasAufrichten der Gebärmutter verhindert, als durch die Blasenfüllungund die Einklemmung unter einem stark vorspringenden Promontorium.

Merkwürdiger Weise kann trotz der Einklemmung der Uterusoft unerklärlicher Weise über das Maass hinaus wachsen, welches imBecken Platz hat. Es sind schon Kinder vom fünften Monat gefundenworden, die unmöglich, selbst bei ganz zusammengepresstem Rumpf,in der Beckenhöhle Raum hatten. Das sind Fälle von partiellerRetroflexio uteri gravidi. Es wächst dabei das Kind unter Vor-buchtung der Uteruswand aus dem eingekeilten Theil in die freie Bauch-höhle hinaus. Da die Verhältnisse hiebei etwas complicirter sind,kommen wir später nochmals auf diesen Zustand zurück.

Die Differentialdiagnose ist leicht, wenn einmal die Gravi-dität sicher gestellt ist. Wenn die Ischuria paradoxa vorhanden ist,so kann es nichts anderes sein. Aber dieses letztere Symptom kannausnahmsweise einmal fehlen, speciell bei den partiellen Retroflexionen.Das Fühlen des Knickungswinkels, der unmittelbare Zusammenhangzwischen der vorn abgebogenen Portio vaginalis und dem hinten lie-genden Tumor machen im Allgemeinen die Diagnose leicht.

Es kann sich jedoch unter ähnlicher Gestaltung des Krankheits-bildes um Tumoren, speciell nach hinten gerollte Fibroide der Uterus-wand, oder um Hämatome, eventuell sogar um Ovarialkystome handeln.Alle solche Tumoren müssen intraligamentär entwickelt oder Fibroideeben wieder retroflectirt sein, um zu Verwechslungen Anlass zu geben.Auch Extrauteringravidität kann gelegentlich beim Abwägen derSymptome möglich erscheinen.

Fälle von retroflectirten und im Becken eingeklemmten Fibroiden und einenFall von Hämatombildung -während der Gravidität habe ich selbst zu beobachtenGelegenheit gehabt. Es fehlte aber bei dieser Kranken stets die Ischuria paradoxa.Die bimanuelle Untersuchung und das Auffinden des Fundus uteri durch dieselbemuss in erster Linie des Räthsels Lösung bringen.

Historische Notiz. Die Retroversio uteri gravidi wurde zuerst von Kulmresp. seinem Schüler Reinik (1732) an der Leiche entdeckt.

Die Behandlung. Da die Erscheinungen von Seiten der Blasenach allen Erfahrungen und Sectionsberichten am raschesten gefährlichwerden, so ist es die erste Pflicht des Arztes, diesen abzuhelfen. Dasist momentan erfüllt durch die Blasenentleeruner. Doch gibtnur die Herstellung der richtigen Lage der Gebärmutter einenSchutz vor baldiger Wiederholung.

Im Anfang der Störung ist die Entleerung der Blase durch denmetallenen Katheter meistens leicht möglich. Häufig sieht manhierauf Spontanreposition zu Stande kommen. In schweren Fällen kannjedoch das Katheterisiren unmöglich sein. Da scheue man sich nichtängstlich vor einer Blasenpunction mit feinen und ganz reinen, des-