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Lehrbuch der Geburtshülfe für Ärzte und Studierende
Entstehung
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307
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Retroflexio uteri gravidi. 307

und Kranken zum Arzt, und dieser bringt durch Aufrichtung des ein-geklemmten Organes alles wieder in Ordnung. Dann kann die Blaseohne Schaden bleiben und die Schwangerschaft ihren normalen Verlaufbeenden. Wehe aber dann, wenn zur rechten Zeit die richtige Hülfefehlt. Das sind glückliche Ausnahmsfälle, wo die Gebärmutter sichvon- selbst wieder aufrichtet oder partiell in die Bauchhöhle aufsteigt.Die Aufrichtung wird, so lange die Harnblase überfüllt ist, durchdieselbe gehemmt.

Wenn es bei der Retroflexio bleibt und die Einklemmungs-erscheinungen fortbestehen, so wird der Zustand bald qualvoll. ZurBlasenstörung kommt noch Verstopfung, zunächst für die Scybala,schliesslich für die Gase, wodurch unausbleiblich starker Meteorismusfolgen muss. Nun kann sich auch Erbrechen und Fieber hinzugesellen.Von der Peritonitis spricht man immer, wenn die Gebärmutter langeeingeklemmt bleibt. Aber in den Sectionsfällen ist eigentlich vonPeritonitis wenig bekannt geworden. Die Entzündung wird nur daraufhin diagnosticirt, weil Schmerzhaftigkeit, Brechen und Fieber, auchperitonealer Puls vorhanden ist. Einige wenige besonders bedenklicheFälle sind in der Literatur bekannt, in denen der Uterus immer mehrabwärts drängte und die hintere Vaginalwand vorstülpend in der Vulvaerschien und die Scheide durchbohrend frei zu Tage trat (Grenser,M. f. G. Bd-. IX. p. 73; Mayer, Presse med. Bd. I. 1837. p. 153),oder sogar unter Vorstülpung der vorderen Rectalwand durch den Anushervorkam (Halbertsma, M. f. G. Bd. 34. p. 414; Schnackenberg,Casper's Wochenschr. 1838, und E. Martin, Neigungen und Beugungender Geb. 1865; E. Martin, M. f. G. Bd. 26; vergl. Fehling, A. f. G.Bd. VI. p. 103).

Früher als von Seiten des eingeklemmten Uterus kommen diegrossen Gefahren von der Harnblase.

Die übermässige Ausdehnung der Blase, die extreme Verdünnungder Wand und die dadurch bedingte spärliche Blutversorgung, also dieErnährungsstörung der Blasenschleimhaut begünstigen die Ausbildungeiner Gangrän derselben. Dazu kommt die Harnstauung, wobei dieFüllung ohne Unterbrechung tagelang dauert. Solch ein Urin zersetztsich leicht, wie man von allen Harnstauungen weiss. Das sind zweisehr gefährliche Momente; die grosse Neigung zu Cystitis und diemangelhafte Ernährung der Mucosa. Wenn der Urin trüb und blutiggefärbt wird, so ist die Gefahr schon gross, noch grösser, wennschlechter Geruch, also faulige Zersetzung eintrat. Einen Fall vonBlasengangrän hatten wir zu beobachten Gelegenheit. Es jauchte, eserschien einmal ein Fetzen bei der Ausspülung der Blase, worüber dieKranke immer ganz aussergewöhnlich klagte, und als wir den Fetzenentfernen wollten und mit einer Pincette fassten, kam mehr und mehrund schliesslich war es die ganze Blasenschleimhaut. Als wir denübelriechenden Fetzen auseinander falteten, konnten wir die vollständigeAushöhlung der Blase wieder finden. Die Kranke starb nicht, erholtesich sogar und verliess die Klinik.