Geschichte des Geburtsmechanismus. 145
hervorgedrängfc wird. Wenn auch der Umfang der Schultern bei fettenKindern häufig grösser ist als die Peripherie des Kopfes, so entstehtdennoch hiedurch keine Schwierigkeit, indem sich die einzelnen Knochenverschieben können.
Doch muss man, gerade beim Durchtritt der Schultern, Un-vorsichtigkeit oft büssen. Wird dieselbe rücksichtslos vorgedrängt, sokann sehr leicht der Damm, der bis dahin erhalten blieb, noch indiesem Moment reissen. Es ist dringend nöthig und ein Theil derDammstützung, dass durch Zug am Kopf nach rückwärts dievordere Schulter erst in den Schambogenwinkel eingestelltund dann unter Erheben des Kopfes und steter Besichtigungdes gespannten Dammes die hintere Schulter entwickeltwerde. Thorax, Becken und untere Extremitäten folgen bei normalgestalteten Kindern unmittelbar nach.
Nur um die Verschiebung und schliessliche Gestaltung der Meinungen nochzu präcisiren, geben wir hier einen kurzen Abriss von der Geschichte des Geburts-mechanismus. Es verdient diese Lehre schon deswegen einen geschichtlichenRückblick, weil sie heutigen Tages zu einem gewissen Abschluss gelangt ist. Dieeingehendste und so ziemlich abschliessende Bearbeitung erfuhr das Thema inder Monographie von H. P. Nägele, wo auch die Geschichte dieser Lehre berück-sichtigt wurde. In der Vorrede machte H. P. Nägele die zutreffende Bemerkung:„Dadurch, dass man die'Sache auf sogen, streng mathematische Weise behandelnzu müssen vermeinte, wozu sie aber ihrem Wesen nach gar nicht geeignet ist, istdie ganze Lehre in eine gewisse Verwirrung gerathen. Der einzige Weg, Lichtin die Lehre vom natürlichen Geburtshergang zu bringen, besteht nur in der un-befangenen Beobachtung der Natur, im Streben, jene Erscheinungen rein aufzu-fassen und ebenso treu und einfach wiederzugeben." Die Reihe von Abhandlungen,welche unter der Aegide Ritgen's in Giessen gearbeitet wurden, ist folgende:Stammler, C., Geschichte der Forschungen über den Geburtsmechanismus vonder ersten Zeit bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts, Diss. inaug., Giessen 1854;dann Dr. C. Stammler's Geschichte etc., fortgesetzt bis Mitte des 17. Jahrhundertsvon Gustav Knoes; weiter fortgesetzt von Fresenius, DDr. Brüel, Zimmer-mann, Fuchs, Schad, Bennighof und H. Stammler, Giessen 1856, undvon Brüel, Melchior und Weissenbach, Bd. H. Heft 1, Giessen 1859. Vergl.darüber die Referate von Siebold in M. f. G. Bd. V. p. 391, Bd. VI. p. 72 u.Bd. VIII. p.,69. Sie gelten ebenso sehr der allgemeinen Geschichte der alten Geburts-helfer als der Lehre vom Geburtsmechanismus.
Geschichte des Geburtsmechanismus.
Um übersichtlich ein klares Bild des Errungenen zu geben, ziehen wir vor,an Stelle eines fortlaufenden Referates nur die Streitpunkte zu markiren.
Zunächst bedurfte es vielfacher Erörterung, bis endlich eine Meinung durch-drang über die Art der Einstellung des Kopfes im Beckeneingang.
Weil der Kopf mit der Pfeilnaht im geraden Durchmesser die Genitalienverlässt, schlössen die Autoren in erster Linie, dass der Kopf sich gleicherweiseim Beckeneingang einstelle. Es wurde direct angenommen und gelehrt, dass diePfeilnaht hoch im Becken gerade in der Conjugata stehe.
Hierin brachte Ould (1742) als Erster bessere Aufklärung, indem er lehrte,dass der lange Koptdurchmesser sich im Beckeneingang quer zur Geburt stelle.Er suchte diese Notwendigkeit durch eine anatomische Unterlage zu begründen,Zweifel, Geburtshülfe. 2. Aufl. 10