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Lehrbuch der Geburtshülfe für Ärzte und Studierende
Entstehung
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129
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Die Ursachen des Geburtsbeginns. 129

Die Verhältnisse bei den Frühgeburten, insbesondere bei denkünstlich eingeleiteten, müssen hier mitberücksichtigt werden, weil siegeradezu den Werth von Experimenten haben und endlich auch die Er-fahrungen bei Extrauteringravidität.

Am normalen Ende der Gravidität sind die bemerkenswerthestenAenderungen des Eies, die man als charakteristische Erscheinungen derReife bezeichnen kann, Verfettungen der Decidua. (Huwe,Nägele, Simpson.) Zwar sind dieselben nicht von allen Autorengefunden worden, aber es existirt auch nicht die genügende Einigungdarüber, an welcher Stelle man diese Verfettungen zu suchen hat. Jeden-falls liegt der Schwerpunkt in der Verfettung der Trennungs-schicht, der vielen dünnen Septa in der alveolär erweiterten Drüsen-schicht. Wenn diese Verfettung eingetreten ist, wird das Ei zum Fremd-körper und wirkt wie jeder, welcher während der Gravidität in uterumeingeführt wird, reizend auf die Uterinnerven und löst von da ausreflectorisch die Geburtsthätigkeit aus.

Dass jeder Fremdkörper während einer Schwangerschaft zwischendie Schichten der Decidua eingeführt Contractionen und unfehlbar dieGeburtsthätigkeit einleite, ist durch verschiedene Methoden der künst-lichen Frühgeburt geradezu experimentell bewiesen.

Vergleichen wir mit diesen beiden einander stützenden Thatsachendie Erfahrungen der Extrauteringraviditäten, so können wir nicht um-hin, einzugestehen, dass doch wahrscheinlich auch die Reife, resp.der Tod des Kindes von entscheidendem Einfluss auf den Beginn derGeburtsthätigkeit sein müsse. Es kann das Kind in der Bauchhöhle liegenund dort ganz unabhängig seine Entwicklung durchlaufen wenn esreif geworden ist, so beginnt im Uterus eine energische Wehenthätig-keit, welche nicht eher aufhört, als bis die darin gewachsene Deciduaausgestossen ist. Aber selbst wenn das extrauterine Kind abstirbt,kommt dieselbe Erscheinung zu Stande.

Wir geben diese Thatsachen ohne viel Commentar, weil hiebeiTheorie gegen Theorie steht. Sie dienen alle dazu, unser Wissen undForschen zu erweitern, aber es genügt keine zur vollen Aufklärungaller Beobachtungen.

Höchst interessant sind die Ausführungen von C. Hasse (Z. f. G. u. G.Bd. VI. 1881. p. 1). Er legt das Hauptgewicht darauf, dass im Verlauf derSchwangerschaft eine Ablenkung der Mündungsstelle der Vena cava inferior zuStande komme, in dem Sinn, dass zuerst die Vena cava inf. ausschliesslich in dielinke Vorkammer münde (vergl. vorn p. 69), später mehr und mehr in die rechteVorkammer. Während anfangs das arterielle Blut mehr dem Kopfkreislauf undden oberen Extremitäten zu statten komme, ändere sich dies gegen Ende der Gra-vidität derart, dass das arterielle Blut in den rechten Vorhof und die rechteKammer fliesse und von da aus in die Lungen und den Körperkreislauf gelange,der Kopf dagegen rein venöses Blut erhalte. Hasse fasst seine Theorie so zu-sammen: Der rechtzeitige Eintritt der Geburtsthätigkeit ist abhängig von derEinwirkung eines bestimmten Gehaltes des in die Placenta strömenden Blutes anStoffen der regressiven Metamorphose, vor allem an Kohlensäure, auf die nervösenCentralapparate der Muskulatur des Uterus." Und diese Kohlensäure-Ueberladungsoll durch Circulationsänderungen im Fötus entstehen.

Zweifel, Geburtshülfe. 2. Aufl. 9