40Erziehung rohe, gefühllose Seelen haben, dann istes freylich leicht, unter allen Umständen gleiche Ruheund Stille des Gemüths zu bewahren, weil alsdannweder Unangenehmes noch Angenehmes einen tiefenEindruck auf uns macht. Aber bey einer zartenSeele immer sich gleich bleiben, das, o das ist, wieder Glaube, nicht Jedermanns Ding. Und destomehr ist darum Jesus bey seinem Gleichmuthe zubewundern. Feiner Seele von Natur, erwachsen ineiner stillen Priesterfamilie, auferzogen unter derPflege einer zärtlichen Maria und im Umgange mitgottseligen Verwandten, hatte er ein Herz, welchesden Empfindungen des Glücks und des Unglücks sooffen stand, daß er zur Besiegung großer Schwie-rigkeiten und zur Erduldung schwerer Trübsale nichtgeschaffen schien. Zu einer glühenden Andacht schiener mehr gestimmt. So erkennen wir ihn, wenn wirihn in seinem Beruse wirken, oder Freude verbreitenoder Thränen weinen sehen. Und demungeachtetblieb er sich unter allen Umständen an Seelenruhe,Geistesgegenwart und Wirksamkeit gleich. Er ver-machte alles über sich, und hatte alle Regungen sei-nes Gemüths in seiner Gewalt. Auf dem Wegenach Jerusalem zum Tode war er eben so wenigverzagt, als wenn er sonst zu seinen Freunden nachBethanien reiste. Sehet ihn in den schrecklichenTagen, wo jeder Andre unter seiner Angst ersticktab. 1.
Druckschrift
Predigten und Reden an Festtagen und bey besonderen Gelegenheiten
Entstehung
Seite
305
Einzelbild herunterladen
verfügbare Breiten