lehrten die Bayern und Schwaben, Mittelfranken und Sachsen an den rheini-schen Domen gotisch bauen und von hier die heimisch gewordene Kunst indie deutschen Lande tragen. (Friedrich Wolters und Walter Elze, Stimmendes Rheines, 1923.)
HOHE GOTIK
Wenn eine Religion die Blüte ihrer Entwicklung erreicht hat, so verkörpertsie sich gleichsam in den Bauwerken, die sie hervorruft. Diese sind das Ge-präge des Grundgedankens, der in ihr waltet, das Siegel der ihr innewohnenden,schöpferischen Kraft. Jene alten Riesentempel Indiens sind der Ausdruck desDienstes, der der gewaltigen Macht der Natur dargebracht ward, in ihrenaufgetürmten und doch nach Regel und Ordnung gefügten Felsenmassengleichsam eine Andeutung der Kräfte, die wir bei dem wundervollen Bau derErde zu Dasein und Wirken gerufen uns denken. Sie sind kolossal wie derUmfang ihrer Vedas, unermeßlich wie die elfhundert Schulen der Auslegungdieser heiligen Bücher, fabelhaft, wie die Sagen von der Fruchtbarkeit desLandes. Die mächtigen Säulenhallen des alten Ägyptens mit den Sphinxen,die in schweigsamer Ruhe zwischen den riesenhaften Schäften lagern, beidein einfacher, ernster Ordnung, sind das Symbol jenes stäten, gleichförmigen,unabänderlichen Laufes der Gestirne, dessen Beobachtung das Geschäft,dessen Kenntnis das Geheimnis der Priester, dessen Verehrung Gegenstanddes allgemeinen Dienstes war. In des späteren Griechenlands Tempeln,hinausragend in die grünen Wogen des Meeres, oder auf Bergeshöhe umspieltvon linden Lüften, bergend das zur vollendeten Göttergestalt veredelte Men-schenbild, trat wieder der Dienst vor Augen, den dieses Volk der Manneskraft,dem jungfräulichen Liebreiz, der städteordnenden Weisheit, dem heiternGesangesspiel, jedwedem so körperlich als geistig hohem Vorzug in frohenFestlichkeiten darbrachte. Salomos Tempel faßte mit Marmor und Gold ineine für ganz Israel schaubare Schrift jene auf Sinai gegebene Erklärung:„Israel, der Herr dein Gott ist ein einiger Gott!" und rief durch jene geheimnis-volle Verhüllung die Warnung ins Andenken: ,,Du sollst dir kein Bildnismachen"; so wie, daß selbst gereinigt, nur von Ferne der Erdgeborne zu demUnnahbaren hinzutreten dürfe.
Aber weder Indiens und Ägyptens Tempel, noch der Griechen heitere GÖtter-hallen, noch Salomos Wunderbau fallen in die Anfänge des religiösen Dienstes,dem diese verschiedenartigen Werke geweiht waren. Derselbe mußte vorerstüber die Menschen Macht gewonnen, ihre höhere Anschauung durchdrungen,ihr geistiges Wesen befruchtet, ihren Willen sich fügsam gemacht, ihre Kunst-fertigkeit hervorgerufen haben, bevor zu Solchem der Gedanke in ihnen ge-weckt, die Tüchtigkeit herangebildet, der Entschluß gereift werden konnte.Dann ward derselbe das zeugende Element, das solchen Schöpfungen dasDasein verlieh, und zugleich der Mittelpunkt, der die geistigen Fähigkeiten,die künstlerische Gewandtheit, die körperlichen Kräfte, die zeitlichen Mittel,der Priester, des Fürsten und des Volkes Willen zu dem Einen und gemein-samen Zwecke auf sich vereinigte und zur möglichst vollendeten Gestaltung
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