CHRISTENTUM UND KIRCHE
CHRISTLICHE ARTUNG
Der plastische Sinn der Hellenen erlosch in dem Christentum. Dem Griechenwar die reale Welt Gott; dem Christen muß, damit er Gott finde, die realeWelt untergehen. Während das gebildete Heidentum die Erscheinung desLebens durch die Idee des Göttlichen verklärte, wollte das Christentum durchden Glanz des Göttlichen jede irdische Erscheinung verdunkeln. Durch dieseneue Offenbarung einer höheren und wahrhaft göttlichen Religion verändertedie Erde ihre Gestalt; das Leben ward zum Tode, der Tod zum Leben; dieirdische Natur erblaßte vor dem Glänze des Himmels, und der Geist, in dieBetrachtung des Unendlichen und Gestaltlosen versenkt, floh, was nur immerdem Körper angehörte, als Befleckung und Sünde. Es war nicht mehr dieBestimmung des Menschen, sich seines Daseins auf Erden zu freuen, sonderndes höheren, aber verscherzten Vaterlandes eingedenk, über die irdischenFesseln zu trauern, die ihn in dem Kerker seines Leibes zurückhielten. Jetzterschien also die Form, auch in ihrer vollendeten Schönheit, doch nur alseine Scheidewand der Erkenntnis des unendlich Vollkommenen, zu dessenVereinigung, als dem Gegenstande unablässiger Sehnsucht, das Zerfallendieser irdischen Schranken führte. Aus der Form erstand die unendlicheSchönheit; aus dem Staube des Grabes blühten die Blumen des Paradiesesauf; durch den Triumphbogen der Särge zog der entfesselte Kämpfer in seinwirkliches Vaterland ein. Unter den Einflüssen einer so geistigen Religion— und wie mächtig der Einfluß in früherer Zeit gewirkt, ist bekannt — konntedie an strenge Formen gebundene Kunst nicht mehr gedeihen. Die Musik,als die geistige Dolmetscherin des Unaussprechlichen, und am wenigsten, wiees schien, durch irdische Banden gefesselt, stieg über alle anderen Künstehinauf; die Poesie aber mußte sich umgestalten, und in die Unendlichkeit derMystik versenkt, nahm sie die Gefühle in Anspruch und strebte, in neuenTönen das unbegrenzte Verlangen nach dem Heiligsten, das ungesättigteStaunen über das Unbegreifliche, die tiefe Verachtung des Irdischen, dasEntzücken der Anbetung und die Zerknirschung der Reue auszusprechen.Der bildenden Kunst wäre hier gar keine Stelle mehr übriggeblieben, wenndie Schwäche der Menschheit den schmalen und steilen Pfad zu dem Ewigenhätte verfolgen können, den ihr die Heiligkeit der gottbegeisterten Väterder ersten Kirche vorzeichnete. Indessen behauptete der menschliche Sinnauch hier seine Rechte, und die Liebe zu dem göttlichen Stifter der Religionkam dem natürlichen Verlangen der Menschen, die Sehnsucht durch dieGestalt des Ersehnten zu täuschen, einigermaßen zustatten. Doch mußte dieKunst, um sich in dieser neuen Welt anzubauen, sich nach neuen Gesetzenfügen. Nach Schönheit ausschließlich zu trachten, wäre profan gewesen.Das Ziel der christlichen Kunst mußte Belehrung und Bedeutsamkeitsein; und da die Malerei dieses Ziel leichter und vollkommener erreichen kann,als die Plastik, und da sie überdies durch geistigere Mittel wirkt, so wurde
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