DIE CHRISTLICHE KUNST
GEIST DER CHRISTLICHEN DICHTUNG
Ursprung und Charakter der ganzen neueren Poesie läßt sich so leicht ausdem Christentume ableiten, daß man die romantische ebensogut die christ-liche nennen könnte. Das Christentum vertilgte wie ein jüngster Tag dieganze Sinnenwelt mit allen ihren Reizen, es drückte sie zu einem Grabes-hügel, zu einer Himmelsstaffel zusammen und setzte eine neue Geisterweltan die Stelle. Die Dämonologie wurde die eigentliche Mythologie der Körper-welt, und Teufel als Verführer zogen in Menschen und Götterstatuen: alleErdengegenwart war zu Himmelszukunft verflüchtigt. Was blieb nun dempoetischen Geiste nach diesem Einstürze der äußeren Welt noch übrig? —Die, worin sie einstürzte, die innere. Der Geist stieg in sich und seine Nachtund sah Geister. Da aber die Endlichkeit nur an Körpern haftet, und da inGeistern alles unendlich ist oder ungeendigt, so blühte in der Poesie das Reichdes Unendlichen über der Brandstätte der Endlichkeit auf. Engel, Teufel,Heilige, Selige und der Unendliche hatten keine Körperformen und Götter-leiber, dafür öffnete das Ungeheure und Unermeßliche seine Tiefe. Statt dergriechischen heitern Freude erschien entweder unendliche Sehnsucht oder dieunaussprechliche Seligkeit, die zeit- und schrankenlose Verdammnis, dieGeisterfurcht, welche vor sich selber schaudert, die schwärmerische beschau-liche Liebe, die grenzenlose Mönchsentsagung, die platonische und neu-platonische Philosophie.
In der weiten Nacht des Unendlichen war der Mensch öfter fürchtend alshoffend. Schon an und für sich ist Furcht gewaltiger und reicher als Hoff-nung (so wie am Himmel eine weiße Wolke die schwarze hebt, nicht diesejene), weil für die Furcht die Phantasie viel mehr Bilder findet als für dieHoffnung, und dies wieder darum, weil der Sinn und die Handhabe des Schmer-zes, das körperliche Gefühl, uns in jedem Hauptpunkte die Quelle einesHöllenflusses werden kann, indes die Sinne für die Freude einen so magernund engen Boden bescheren. Die Hölle wurde mit Flammen gemalt, derHimmel höchstens durch Musik bestimmt, die selber wieder unbestimmtesSehnen gibt. So war die Astrologie voll gefährlicher Mächte. So war derAberglaube öfter drohend als verheißend. Als Mitteltinten der dunkeln Farben-gebung mögen noch das Durcheinanderwerfen der Völker, die Kriege, diePesten, die Gewalttaufen, die düstere Polar-Mythologie im Bund mit derorientalischen Sprachglut dazu kommen und gelten. (Jean Paul, Vorschuleder Ästhetik, 1804.)
DIE ANDACHT IN DER POESIE DER MITTLEREN ZEITEN
Freilich ists nicht jedem Geist in seiner sterblichen Hülle gegeben, sich form-los ins Flammenmeer der Gottheit zu versenken, aber auch nur im Abglanzdiese Sonne, das höchste Ideal menschlicher Gedanken, zu betrachten, er-quickt und erheitert. Die Poesie der mittleren Zeiten hatte sich hiezu das
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