GERMANISCHE VORZEIT
GÖTTERDÄMMERUNG UND HELDENZEIT
Nur selten rührt die Heldensage an das Reich der Urzeit, das nicht ihresWesens ist, an das Leiden der Ungestalt, an den Zauber des Unterirdischenund seine bannende Kraft. Was in der Sage beginnt, ist die Tat, was in ihrErscheinung wird, der Täter, und das Schwingen seiner menschlichen Seeleerklingt nun bildgeworden im Lied des Dichters. Nun weiß sich ein Mensch-tum um die Mitte des Täters als sinnenhafte Einheit, die Erde entläßt ihreKinder über die Weiten hin, neue Kraftzellen brechen auf und entladen ihreverborgenen Wuchten.
Von hier aus ist nur noch ein Schritt zur höchsten Stufe, zur Einheit derMenschen- und Götterwelt, zum strahlenden Lichtreich der HomerischenEpen, in denen der Mensch das Ewige, der Gott das Menschliche darstelltund alles schwerste wie leichteste Geschehen sich schön im geordneten Kreis-lauf der selig in sich beruhenden Weltenkugel vollzieht. Diese Stufe er-reichten die Germanen bis heute nicht. Wohl schufen auch sie die zyklischgereihten, zum Gesamtbild geschlossenen Epen, wie Beowulf, die Nibelungen,Gudrun und viele andere, aber sie sind keine höhere Einheit des Seelischen,sondern nur der mattere Abglanz der Dichtung des Heldenalters.Aber schon in ihr, dem kurzen Heldenliede, das allein bei den Germanenaufbewahrt ist, zeigt sich der frühe Bruch, der die letzte Reife hindern wird,schon in ihr weist sich, wie die Germanen bei jedem Versuch, ihre tiefstenSichten ins leibhafte Gebild zu bannen, sie in die Zweiheit von Nur-Geistigemund Nur-Sinnlichem auseinander brechen und wie jeder Einstrom, der ihreBahn kreuzt, ihre inneren Bindungen zu zerreißen droht: Die Heldenliederder Germanen zeigten ihre Götter nicht! Sie gestalteten den aus dem Reicheder Mächte ins Tathafte umgeschwungenen, noch vom Grauen der Urnachtdurchströmten, aber in den hellen Tag gerissenen, den vom Tatwillen alleinbesessenen frühen Menschen, den Herausbruch des einzelnen aus allendumpfen Bindungen, aus Kult, Sippe, Volksgemeinschaft, sie zeigten seineGegenstellung gegen die nicht-menschlichen Erdkräfte, aber auch die schreck-liche Vereinzelung der noch nicht vom göttlich schönen Rund umschlossenen,der im heldischen Tun allein ihren Sinn findenden Seele.Wohl erhoben sie den Helden über die Unweit, aber die Schließung des Kräfte-ringes, die Einbeziehung des todgeweihten Menschenfremdlings, den dasGrauen des „ungehiuren", das schicksalhafte Fluchzeichen, noch umwittert,in eine durchgottete Welt gelang hier nicht.
In ihrer Einsamkeit und Verfemung blieben die Heldengestalten stehen,strahlende Kraftmitten über der dumpflastenden Erde, hell oder dunkel demUntergang geweiht, dem sie todsüchtig zueilen, den unteren albischen Kräftenbewußt entgegengestellt, von den oberen gestaltigen noch nicht erreicht unddurchglüht: Erlöser aus dem Banne der Urschauer, aber selbst fluchbeladenin ihrer Gottferne, die erst das schon minder rauhe Fühlen jüngerer Zeitenzu mildern sucht.
1 Wolters: Der Deutsche. II. T