Man muß sich freilich hüten, die Germanen des Mittelalters, zumal die Vor-gänger der heutigen Deutschen, als innige Schwärmer zu denken, die inmystischem Drange Zeugnis auf Zeugnis einer rasseeignen Frömmigkeit er-richtet hätten. So war es gewiß nicht, aber dieses reisige und stämmige Volktrieb allerdings eine geistige Elite aus sich hervor, die den orientalischenGedanken des Christentums auf ihre Art verstand: die Geistlichkeit. DieseGeistlichkeit aber, ohne Zweifel damals der expansivste, angriffsfroheste,frischeste Teil des Volkes, in allen wirklichen Spitzen durchaus blutvoll undkriegerisch, bewahrte eben jene einzige Aufgabe, an der die Formkraft derNation sich bildete, den einen, immer wieder zu errichtenden Raum, den dieVornehmheit eines geistigen Zweckes über jeden Nutzbau erhob. (WilhelmPinder, Deutsche Dome des Mittelalters, 1924.)
DIE CHRISTLICHE KUNST AM RHEIN
Zwölfhundert Jahre waren vergangen, seit Ausonius von den Reizen derMosel und Kölns goldenen Tempeln gesungen hatte, ein Halbjahrtausendstürmischer Wanderung, grausamer Kriege, wilder Zerstörung war auf denSchwanengesang des Römers gefolgt, dann hatten die Deutschen den Rheinumwehrt und sieben Jahrhunderte lang zwischen Maas und Main sein Landgeschützt, und leicht vernarbten ihm die Wunden der kurzen Bruderfehden.Wie der Garten des Paradieses strahlte es damals auf, Erstaunen ergriff dieFremden, die seine Städte und Auen sahen, seine Bürger wohnten, wie dieItaliener meinten, in schöneren Häusern als ihre heimatlichen Fürsten inPalästen, in Fülle gediehen Korn, Obst und Wein, alle Gewerke standen ingleichmäßigem Flor, die Händler aller Welt verkehrten hier, schöne Sitte undhohes Wissen blühten auf, und die Künste fanden auf altem Grund in derEinheit christlichen Antriebs den eignen rheinischen Wuchs.Wer kennt nicht den Prachtklang von Blau, Rot und Grün in den Kirchen-fenstern am Rhein,- das Zauberspiel von Himmelsschönheit und irdischemGlück auf den Bildern Kölnischer Madonnen, das triumphierende Licht umden siegenden Erlöser wie das furchtbare Grauen um den sterbenden Dulderund die unvergleichlichen Bildnisse deutscher Männlichkeit? Meister Wilhelm,Stefan Lochner, Mathias Grünewald, Martin Schongauer sind nur die hellstenund düstersten, Eyck und Holbein die strahlendsten unter den großen Namen.Und wieviel Namenlose stehen in diesen und anderen bildenden Künstenihnen zur Seite, welche längst verklungene, nur in der Entwicklung nochwirkende Tongebilde voll Kraft und Schönheit schufen die großen Kirchen-musiker einst zwischen Maas und Rhein! So sehr sie in Mittel und Wertgeschieden waren: sie alle schufen in einem Geiste, und lange verband alsumfassendster Bau das Gotteshaus die Werke der Meister und Stifter. Wieein Phönix tauchte die Baukunst am Rhein unter Karl dem Großen aus derAsche des Römerreiches, und ratlos würde unser Begreifen vor der neuenErscheinung stehen, kannten wir nicht aus den Waffen und Luren, Schmuck-stücken der Frauen und anderen Resten die künstlerische Begabung derfrühen Germanen. Zwei Formen strahlten vom Niederrhein auf einmal aus:
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