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2 (1926) Sicht in Vorzeit und Mittelalter
Entstehung
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Lauf mit einiger Sicherheit zu verfolgen: flämische Geburt, Leben als Chor-sänger und Leiter in Rom, Ferrara, Florenz und am Hofe Ludwigs XII. vonFrankreich, dann wohl Rückzug in die Heimat und Tod in der Stille. Wirwissen nur, daß er verhältnismäßig wenig schuf und oft lange Zeit auf dieAusführung eines einzelnen Stückes verwandte. Aber diese unwahrschein-lichen Klanggebilde erheben sich hoch über die doch so fruchtbare Wunder-fülle seiner Vorgänger und Zeitgenossen. In ihnen waltet nicht nur die voll-endete Meisterschaft in der Entsendung und Leitung der mit weitestem Flügel-schwung dahinschwebenden Melismen, nicht nur wallen in seinen Tonfügungenvon den einfachsten Folgen bis zu den unerwartetsten und seltensten Klang-sprüngen alle Flutungen des christlichen Menschentums in strahlender Ver-klärung auf und nieder wir hören in allem noch die heimlichen und dunkelunfaßbaren Klagen einer Seele, der die Gaben einer ganzen Jahrtausendernteso selbstverständlicher Besitz sind, daß sie nichts anderes vermag, als um dieihr versagte Endlichkeit im unendlichen Gesänge zu trauern. (Erich Wolffund Carl Petersen, Das Schicksal der Musik von der Antike zur Gegen-wart, 1923.)

SINN DES MITTELALTERLICHEN BAUENS

Die künstlerische Fähigkeit, mit der die alten Dome rechneten, ist heutenahezu erloschen. Die Menschen unrerer Zeit pflegen vom Erlebnis alterRäume eben das Räumliche nicht zu behalten. Wenn ein Ganzes zu bleibenscheint, so ist es eine dämmerige Erinnerung aus den Zufällen der Tages-stunde und des Lichtes, aus den farbigen Reflexen der hinzugetretenen Aus-stattung: nicht die gebaute Form, sondern ein Gespinst aus ihren Zutaten.Eine lange einseitige Ernährung des Augensinnes hat uns gelehrt, die flüch-tigen Zusammenhänge als das Eigentliche zu begreifen, indessen das festereGefüge des architektonischen Willens sich uns entzieht.Erst ein bewußtes, geduldiges Aufhorchen, eine nachträgliche und sorgsameSchärfung der Sinne, dringt zu der überwucherten Schönheit des Bauwerkeszurück. In glücklicher Stunde erwacht, wie eine uralte Erinnerung, was denMeistern der Dome das Wesentliche war: in uns selber regt sich die Hebungund Senkung, die Weitung und Verengung des Raumes wie eigene körper-liche Spannung und Befreiung, wie ein eigener innerer Atem der starkeAtem eines vergessenen Lebens, eine verlorene Gesundheit, eine urwüchsigeerdennähere Lust, ein Stück derben Knabentumes der europäischen Menschheit.Das Bauen der mittelalterlichen Völker war mehr, als was wir bauen nennen.Es war die stärkste Art gehobenen Ausdruckes, die sich an alle wenden konnte.Die Architektur überstieg die Forderungen des praktischen Bedürfnisses umeines allgemeineren Amtes willen. Sie übernahm es, drängende Anliegen, dienach erhabener Form verlangten, vorzutragen. Bauwerke wuchsen, wo heuteMusik geschaffen wird. Generationen trugen am Werden des Kunstwerkes,und dieser zu langen Spannungen fähige Wille schuf in der Baukunst Voll-endetes, als Malerei und Plastik noch in klösterlicher Enge und dienenderDumpfheit gebunden waren.

10 Wolters: Der Deutsche. II.

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