dem heiligen Boden hält, läßt die griechische Kirche unverändert die Weisendes vierten Jahrhunderts erschallen, tönt in den engen Klöstern und um dieBilderwände der Kathedralen ungebrochen die Klage um den so noch immergegenwärtigen Untergang von Hellas, zittert noch im letzten Klange einferner Strahlenschimmer von der Sonne Homers. (Erich Wolff und KarlPetersen, Das Schicksal der Musik von der Antike zur Gegenwart, 1923.)
SPÄTGOTISCHE MUSIK
Die flämische Musik ist von vornherein universal, in ihrer Mitte steht derkatholische Kult, den sie vom Kern der Messe bis in alle hymnischen Aus-strahlungen mit ihrem Hauche durchdringt. Die mitklingende weltlicheLiedsingerei von den ans Mittelalter anknüpfenden Formen bis zum aus-gebildeten französischen, in den Nachbarländern mannigfach wirkendenChanson spielt trotz ihrer gleichfalls außerordentlichen polyphonen Kunstneben der Macht der geistlichen Gesänge nur eine untergeordnete Rolle. Daseinzig wesentliche Mittel ist die menschliche Stimme, das in unabgerissenerTradition weiterbrausende organische Melos. Der Gründer der Schule istDufay (gest. um 1450), der, an Dunstaple gebildet, als erster die reichen Mittelder Vielstimmigkeit mit vollkommener Meisterschaft entfaltet. In ihm sehenwir besonders die herben und strengen Möglichkeiten dieses Stils verwirk-licht. Seine Tonbewegungen scheinen bei aller Kühnheit dem überliefertenGange noch näher, die herrlich und mächtig zueinander schwingenden Stimmenahmen sich noch nicht nach, sondern werden nur gelegentlich mit alter ka-nonischer Schlichtheit aneinander vorübergeführt. Sein Diadoche ist Okeghem,der in langjährigem Wirken in Paris eine ganze, ihn als väterliches Hauptverehrende Schülergemeinde von großen Meistern auferzog. Er ist der eigent-liche klassische Vertreter der niederländischen Musik; das eindrucksvolleKennzeichen all seiner Werke ist ihre wunderbare Ausgeglichenheit, imSchwünge seiner Stimmen einzig überraschende Kühnheit mit versöhnenderZarte. In ihrem Zusammenführen findet er durch getrenntes Einsetzen dereinzelnen Melodieteile und ihre fortwährende gegenseitige Nachahmung inden einzelnen Stimmen unerschöpfliche Mittel, Ruhe und Bewegung aus-zugleichen. Der Führer des dritten Flors ist Josquin de Pres, der die Ge-heimnisse der Schule mit dem Geheimnis eigenster Genialität erhöht unddamit zum größten Meister des christlichen Gesanges und, insofern das antikeSingen für uns an keinen Namen gebunden ist, überhaupt zur obersten Figuraller durch Überlieferung mit uns verbundenen Musik wird. Die nach ihmkommenden Meister führen langsam in den zugleich weichen und starrenharmonischen Stil über.
Josquin de Pres ist, soweit wir sehen, der einzige Meister, der auch als MusikerRenaissancepersönlichkeit wurde. Wir meinen dies weniger in dem äußer-lichen Sinne, daß er am Ruhme teilhatte wie die Kondottieri und Humanistenund wie vor ihm wohl kein Einzelmusiker. Dieser Ruhm haftete ganz anseinem Werk und hat uns keinen einzigen lebendigen Zug seines menschlichenWesens überliefert. Nur mühevoller Forschung ist es gelungen, seinen äußeren
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