DER GREGORIANISCHE CHORAL
Der gregorianische Gesang zeigt seine Einzigkeit zwischen den Zeiten amdeutlichsten dadurch, daß er weder mit dem Wort wie der antike, noch gegendas Wort wie der moderne, sondern über dem Wort erklingt, eigentlich selberWort ist. Er ist an keinen bestimmten Text gebunden und hat auch durchauskeine zeitliche Gliederung, weder antik-wortmäßig, noch gar modern-takt-lich, so sehr man versucht hat, derartiges in ihn hineinzuzwängen. Auchist bei ihm jede Instrumentalbegleitung schlechterdings unmöglich, da geradenur die menschliche Stimme, die sich dabei selbst noch als Vergröberungder Stimme reiner Lichtwesen, oberer Klangsphären und ihrer Engelscharenfühlt, geschmeidig und unbeschwert genug ist, um das erdfeindliche, seelen-hafte Schwingen auszudrücken. Der Wortsinn des gesungenen Textes istan sich gleichgültig oder, genauer gesagt, er hat einen von dem Gesänge gänz-lich getrennten geistigen Stand, während das pneumatische Melos den ebenfast Wortcharakter aufweisenden, nur in seinem Tönen erfaßbaren Eigenwertverkörpert. Dies tönende Wort hält sich naturgemäß vollkommen innerhalbdes antiken Wortraums, zum mindesten was seinen Umfang angeht. Anirgendwelchen Willkürlichkeiten oder Sprengungen liegt ihm ja nichts. Auchdie innere Raumeinteilung, die nun keinen ethischen Sinn mehr hat, bleibtals Schema der Kirchen töne im Wichtigen unverändert bestehen.Dies antike Seelenwort war von allen griechischen noch sinnlich verkörpertenMächten die bei weitem am unmittelbarsten auf die Nachwelt wirkende, jadie einzige, deren Atem keinen Augenblick aussetzte. Da ihr Wesen dergemeineuropäische, der katholische Kult und ihr tragender Grund die in derSpätantike geformte und alle neubekehrten Barbaren in sich aufnehmendechristliche Lebensgemeinschaft war, so blieb sie in ihren späteren Wandlungenimmer ein allgegenwärtiger Hauch, der, vielleicht an irgendeiner Stelle desKörpers aus den besonderen Erdkräften neue Glut empfangend, diese mit fastzeitloser Schnelle dem ganzen Körper mitteilte. Die gesamte europäische Musikist in diesem Sinne Abwandlung des gregorianischen Chorals, kultisches Tönender einen Seele in dem einen Körper. Anders wäre auch die europäischeMusikentwicklung, wo vom Einfluß eines Gliedes auf das andere zu redengrob und lächerlich ist, gar nicht faßbar. Erst in unseren Tagen hat derZerfall des europäischen Körpers auch das Ende seiner antiken Klangseeleund damit die tiefste kultische Trennung der Trümmer herbeigeführt.Während im Westen das griechische Wesen seine Dauer in unendlicherWandelbarkeit bewährte, gab ihm sein eigener Boden die Möglichkeit zueiner ebenso unerhörten Verwirklichung der Dauer durch reines Erhalten.Während im Westen das Pneuma sich bis zur Symphonie Beethovens fort-schwang, verblieb es in der byzantinischen Kirche wesenhaft bei der Form,die schon Gregor und Basilios vernommen. Während der byzantinische Staatendlich stürzte, während die Sprache der Ilias zu einem völlig unkenntlichenBarbarenidiom herabsank, und auch fast das letzte Blut der hellenischenSchönheit in den entarteten und vermischten Nachkömmlingen zu versiegenschien, und nunmehr der Geist des Pöbels seinen ungehemmten Einzug auf
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