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2 (1926) Sicht in Vorzeit und Mittelalter
Entstehung
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Zu der Entfaltung der in Dante beschlossenen Kräfte hat dann weitaus dasmeiste der Mann gewirkt, der zuerst die gedrungene Fülle in breite und leichteRegsamkeit lockerte: Petrarca, der erste ästhetische und der erste historistischeMensch, der Entdecker der alten Geschichte und der neuen Persönlichkeit.Das Christentum, das bei Dante den Kosmos baute und zusammenhielt, löstesich bei ihm in einen seelischen Duft und umwob dünn und läßlich die ent-zauberten Formen der offenen Erde. Die Antike brach aus dem Bann derBuchstaben oder der Namen in die morgendlich begierigen Sinne eines Lesers,der sie mit eigenem Herzen und mit reichen Erfahrungen auslegen konnte.Und über alledem das geschmeidige Genie der Einfühlung, der Vor- und Nach-empfindung, die Unruhe des entfesselten und frei in den aufgebrochenenRaum gestellten Ich, die angeborene Lust der hohen, weiten und weichen Seelean der fernen Großheit und der Schönheit der Nähe, das Wittern, Suchen,Finden, nicht gehemmt durch zähen Willen zum bestimmten Ziel noch durchunbedingten Glauben an Eins, das nottut, rasch jeder erhabenen Aussichtentgegenschwingend, bei stetiger Scheu vor dem Geheimnis leichtbegeistertund entrüstet, mit tiefem Hang zu bewundern, bei fast weiblicher Neugier undlautrer Ehrfurcht voll zutraulichen Selbstgefühls auch vor den gewaltigstenSchatten! So war Petrarca wie kein zweiter berufen, die erstarrten Gestaltender Götter und Helden zu suchen, weil sie fern und fremd lockten . . zu ehren,weil sie ihn schaurig groß anhauchten . . zu begreifen, weil sie gestaltig undberedt waren. Daß sie anders waren als seine Umwelt, das erweckte seineNeugier und seine Sehnsucht, denn er empfand sich selber neu und fremd imscholastisch magischen Bereich und ahnte in ihnen ein ihm verwandtesfreieres, leichteres, bildsameres Menschtum, eine mächtigere und grandiosereArt. Dadurch geriet in seine Altertumskunde die Schwärmerei für .ein ver-gangenes, unerreichbares und doch ewig erstrebenswertes Ideal. Seine Wieder-geburt der Alten war so von vornherein gefärbt mit einer dem Altertumselbst und dem Mittelalter durchaus fremden Art der historistischen Romantik.Auch das Altertum kannte den manchmal wehmütigen Ahnenkult, das Lobder guten alten Zeit: schon Homer klagt olot Wfi ßqiozoi tloiv, doch ihmfehlte dabei einmal der Genuß der Vergangenheit als eines schmerzlichenReizes, dann das Gefühl einer wesens-andren Weltart: Helden der Vorzeitwaren den Alten nur bessere oder stärkere Vertreter ihrer eigenen Gattung,auch kannten sie nicht den Idealismus der Wiedergeburt. Es ist ein christlicherZug, das Ideal als grundsätzlich unerreichbar zu verehren und dennoch zuerstreben. Dem kirchlichen Mittelalter aber lag das Ideal nicht in der Ver-gangenheit, sondern in der Ewigkeit, nicht in einer historisch gewesenenZeit, sondern in einem metaphysisch gegebenen Raum, nicht in menschlichenVorbildern, sondern in göttlichen Urbildern, nicht in Gebärden und Gestalten,sondern in Gesetzen und Weihen.

Petrarca hat mit dem neuen Formsinn für menschliches Wesen zugleich denneuen Zeitsinn für menschliches Gewesensein erweckt. Die Ästhetik unddie Historie hat er gleichzeitig gestiftet und aus derselben Anlage heraus: ausder sehnsuchtsvollen Menschenschau. (Friedrich Gundolf, Cäsar, Geschichteseines Ruhms, 1924.)

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