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2 (1926) Sicht in Vorzeit und Mittelalter
Entstehung
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DANTE UND PETRARCA

Sprache oder Rede gab der mittelalterlichen Wissenschaft erst der allgesich-tige Gesamtmensch, der kraft seiner Geisteshelle und seiner Seelenglut dasAll am eigenen Leibe erfuhr und die unzähligen Merkmale zu einer Merkweltzusammenschaute, die allgemeinen Begriffe mit eignem Griff zusammenhielt,die leeren Formeln mit seinen lebendigen Formen wandelnd erfüllte: Dante.Man mag jede Einzelheit der Divina Commedia mitNachweisen" belegen:bei ihm erst wird der Name Gestalt, die Bezeichnung Bild, der Stoff Gehalt,die Beziehung Spannung und das feste System reger Kosmos. Die Ursprüng-lichkeit seines Sehens und Sagens, aus Fülle des Wesens, nicht die Tiefe derGedanken oder die Weite des Wissens erhöht ihn über die kenntnisreichstenSammler und sinnstärksten Grübler des Mittelalters und stellt ihn nebenFriedrich II. Der durchdringt die mittelalterlichen Mächte so mit seinemGeist-Willen wie Dante die mittelalterlichen Stoffe mit seiner Geist-Seele. Viel-leicht mußte der universale Fürst dem universalen Sänger vorausgehen undnoch einmal das mittelalterliche Reich von dieser Welt verwirklichen alsPerson, eh es im geistigen All sich verklären ließ. Das reale Weltreich geht demidealen Gottesreich, die sichtbare Tat dem sagbaren Sinn voran wie die Zeu-gung der Geburt. Nicht immer verkörpern sich Tat und Sinn eines Zeitaltersin universalen Menschen: zum Homer und zum Shakespeare kennen wirkeinen ebenbürtigen Helden. Den Sinn von Alexanders Tat mag man ausAristoteles' Werk, den Napoleons aus manchen Schriften Goethes, Byrons,Victor Hugos wiederlesen. Dante ist so sehr der Sänger des letzten Staufer-imperiums wie Vergil der des cäsarischen: beide sind nicht nur das, und beide sindes mit verschiedenem Genie, doch mit gleicher weltgeschichtlicher Wirkung.Dantes riesiges Ich hat außer dem Denken und Lesen der Scholastik, demBlicken und Fühlen der neuen Städte, auch das Tun und Wollen des letzten

Kaisers vor sich und in sich.-------

Dante hat den Humanismus geweckt, indem er die mittelalterlichen Gefügeund Massen einheitlich mit dem ursprünglichen Leben seines großen Herzensdurchdrang und ihnen dadurch neue Leuchtkraft und Klangkraft gab, Ge-sicht und Wort. Die Spaltung dieses neuen Gesamtlebensinns in verschiedeneEmpfänglichkeiten, seine Anwendung auf einzelne Gebiete der geistigenWelt, die dadurch eben erst als solche wahrgenommen, abgegrenzt und be-arbeitet wurden: das war die Lust und Mühe seiner Nachfolger, die Aufgabedes Rinascimento. Dantes Person enthielt noch den religiös geschlossenen,das heißtvollkommenen" Kosmos der menschlichen Gaben, deren Entfaltungerst den besonderen künstlerischen, wissenschaftlichen, staatlichen, ethischenSinn zeitigte. Man mißversteht sein Werk, wenn man es nach diesen Einzel-kategorien beurteilt. Er ist kein Künstler in dem Sinn wie Giotto oder Ma-saccio, kein Politiker in dem Sinne wie Machiavelli, kein religiöser Ethikerin dem Sinne wie Savonarola, auch nicht ein uomo universale in dem Sinnewie Leonardo da Vinci, daß er viele Talente verbunden hätte: er ist das ein-heitliche Wesen, nicht das mannigfaltige . . das allhaltige, nicht das viel-seitige . . das runde, nicht das bunte.

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