regiert, eine Sehnsucht, die Laute, die in der Sprache einzeln und unver-bunden stehen, näher zu bringen, damit sie ihre Verwandtschaft erkennenund sich gleichsam in Liebe vermählen. Ein gereimtes Gedicht ist dann eineng verbundenes Ganzes, in welchem die gereimten Worte getrennt oder nähergebracht, durch längere oder kürzere Verse auseinander gehalten, sich un-mittelbar in Liebe erkennen, oder sich irrend suchen, oder aus weiter Fernenur mit der Sehnsucht zueinander hinüberreichen; andere springen sich ent-gegen, wie sich selbst überraschend, andere kommen einfach mit dem schlich-testen und nächsten Reim unmittelbar in aller Treuherzigkeit entgegen. Indiesem lieblichen labyrinthischen Wesen von Fragen und Antworten, vonSymmetrie, freundlichem Widerhall und einem zarten Schwung und Tanzmannigfaltiger Laute schwebt die Seele des Gedichts, wie in einem klaren,durchsichtigen Körper, die alle Teile regiert und bewegt, und weil sie so zartund geistig ist, beinahe über die Schönheit des Körpers vergessen wird. (Lud-wig Tieck, Kritische Schriften I, 1848.)
DIE MANESSISCHE HANDSCHRIFT
Die Manessen hatten stark die Partei des Volkes gehalten, ein (anderer) Chor-herr aus diesem Hause verlor in dem nächtlichen Aufstande der verjagtenRäte das Leben. Wir finden von dieser Familie schon IUI einen Ritter unterden Räten der Stadt, und sie blühete in Zürich bis nahe zum sechzehntenJahrhundert.
Unser Rüdeger Maneß der Alte mag schon um den Eingang des vierzehntenJahrhunderts auf den ruhmwürdigen Einfall gekommen sein, daß er dieOden und Lieder der besten Poeten seines Weltalters aus allen Ecken Deutsch-lands sammeln wollte, und die Mutmaßung, die jemand vorne in den Kodexgeschrieben hat, wird wohl richtig sein: Codex scriptus circa annum MCCC.Er war in seinen Nachsuchungen recht glücklich und brachte eine solcheMenge Lieder zusammen, welche mit dem Vorrate, den Frankreich, vornehm-lich die Provence, an dergleichen hatte, in Vergleichung kommen konnte.Er hatte mit den vornehmsten Prälaten, Grafen und Freiherren hiesigerGegenden vertraulichen Umgang, welche ihm den Zugang in die entfern-testen Örter, wo Lieder waren, eröffnen konnten. Die Freunde der Poesiehielten in seinem Hause eine Art akademischer Versammlungen, in welchensie die Lieder und Gedichte der schwäbischen Poeten, die er in seinem Vorrathatte, mit kritischer Sorgfalt lasen und beurteilten. Der Kanonikus, seinSohn, arbeitete mit dem Geschmacke und dem Eifer des Vaters an der Fort-setzung und Vermehrung dieser Sammlung. Beide waren mit einer ungemeinenLiebe zur Poesie eingenommen, und beide hatten eine großmütige Sorge fürdie Ehre des weiblichen Geschlechtes, die machete, daß sie vornehmlich be-dacht waren, die Lieder, welche das Lob der Frauenspersonen zum Inhaltehatten, vor dem Untergange zu bewahren. Johans Hadlaub, einer von denSängern, welche ihre Sammlung in sich fasset, ein Züricher und ihr Lieb-ling, hat ein paar Strophen auf die beiden Manessen, seine Guttäter, geschrie-ben, in welchen alle diese Nachrichten enthalten sind; ohne diesen Poeten
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