halben. So ist die Sprache, welche die Dichter in diesem Zeitalter brauchen,eine ungebundene, ganz freie, die sich alle Wendungen, Tautologien und Ab-kürzungen erlaubt; manche Worte wechseln fast durch alle Vokale, unde, o und a sind fast immer gleichgültig angehängte Buchstaben und Silben,sowie unterdrückte, sind gleich sehr erlaubt, um den Vers härter oder wohl-klingender, weicher und schmachtender zu machen. Diese große Allgemein-heit und Freiheit ist vielleicht der Charakter der deutschen Sprache, es istnoch niemals gelungen, sie auf die Weise festzustellen, wie dies mit allen übrigeneuropäischen Sprachen der Fall gewesen ist, sie geht immer wieder in ihrealte Wurzel zurück und erinnert sich ihres ehemaligen Geistes.Die größte Mannigfaltigkeit entdeckt man in den Liedern der Minnesinger,selbst beim flüchtigsten Anblick, in Hinsicht der Silbenmaße, die größte Ver-schiedenheit der Strophen, die verschiedenste Anwendung des Reimes. Esist kein Dichter, selbst bis auf die spätem, der nicht, wie er seinen eigenenAusdruck, seine eigene Sprache hat, auch eine neue Form suchte, in welcherer sich ausdrückt. Keine Autorität, keine Regel hatte hierüber etwas Bestimm-tes festgesetzt, sondern jeder Sinn folgte seinem Antriebe, nach dem er sichzur Künstlichkeit oder Simplizität neigte und also seinen Gegenstand prächtigund auffallend für das Ohr machen oder sich zierlich und gewandt zeigenund die Zärtlichkeit und Sehnsucht auch durch den Fall der Reime lieblichund seufzend zu erkennen geben wollte. So hat jeder Dichter sein Silbenmaß,welchem er am liebsten folgt, ja, er sucht fast in jedem Liede eine Veränderung,welche den Gegenstand deutlicher heraushebt. Darüber haben die meistendieser Gedichte eine so liebliche Art gewonnen, daß man das Notwendigeund Zufällige daran nicht mehr unterscheiden kann, sondern daß die Formund der Gegenstand gerade so und nicht anders unzertrennlich zusammen-gehören. So finden wir einfache Lieder und Gedichte, andere, welche künst-liche und vollständige Kanzonen sind, andere, welche an die Stanze und andas Sonett erinnern, manche sind aber von einer so zarten Künstlichkeit undso original, daß sich nichts anderes mit ihnen vergleichen läßt.Gewiß zeigt sich in keinen andern Gedichten die Natur und Absicht desReims so vollständig als in diesen. Sowie man hier eine sichere und gebildeteHand im Gebrauch desselben fast allenthalben erkennt, so wird dem Leserfast immer auch zugleich die Entstehung dieses Wohlklanges, welcher dieganze neuere Poesie gestimmt und beseelt hat, deutlich. Es ist nichts wenigerals Trieb zur Künstlichkeit oder zu Schwierigkeiten, welche den Reim zuerstin die Poesie eingeführt hat, sondern die Liebe zum Ton und Klang, dasGefühl, daß die ähnlich lautenden Worte in deutlicher oder geheimnisvollerVerwandtschaft stehen müssen, das Bestreben, die Poesie in Musik, in etwasBestimmt-Unbestimmtes zu verwandeln. Dem reimenden Dichter ver-schwindet das Maß der Längen und Kürzen gänzlich, er fügt nach seinemBestreben, welches den Wohllaut im gleichförmigen Zusammenhang derWörter sucht, die einzelnen Laute zusammen, unbekümmert um die Prosodieder Alten, er vermischt Längen und Kürzen um so lieber willkürlich, damiter sich umsomehr dem Ideal einer rein musikalischen Zusammensetzungannähere. Eine unerklärliche Liebe zu den Tönen ist es, die seinen Sinn
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